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Meinung Gastkommentar
10/13/2021

Was ist bei uns schon Kommunismus?

Eine Betrachtung der KPÖ nach dem Sieg in Graz

Verglichen zu den kommunistischen Parteien anderer europäischer Staaten tat sich die KPÖ in ihrer gut hundertjährigen Geschichte immer schwer. Die Spaltung der Arbeiterbewegung rund um das Engagement für oder gegen die Unterstützung des jeweils eigenen Staates in der Führung des Ersten Weltkriegs war in Österreich ausgeblieben. Die Sozialdemokratie mit ihrer revolutionären Sprache ließ links von ihr wenig Spielraum, und so errang die KPÖ in der Zwischenkriegszeit nie einen Sitz im Nationalrat oder auch nur im Wiener Gemeinderat.

Erst das abwartend zögerliche Verhalten der Sozialdemokratie im Kampf gegen das Auftreten von autoritären und faschistischen Kräften trieb viele junge Linke in die Arme der damals schon verbotenen KPÖ. In der Illegalität hatte sie mehr Mitglieder als in jeder legalen Phase. Ihr Anteil unter den politischen Opfern ist wesentlich größer als der aller anderen Gruppen. Und sie konnte auf ihre Fahnen schreiben, als erste politische Gruppierung die „österreichische Nation“ in die politische Diskussion gebracht zu haben.

Zudem war ihr Beitrag im partisanischen Widerstand in Österreichs Süden beachtlich, und nicht zuletzt dieser erfüllte die Bedingungen, die Alliierten in der Moskauer Deklaration für die Wiedererrichtung eines österreichischen Staates gestellt hatten.

Die KPÖ fiel jedoch schon bei den ersten Wahlen praktisch in die Bedeutungslosigkeit, da sie als verlängerter Arm der sowjetischen Besatzungsmacht angesehen wurde. Deren negatives Image war dominant, und der feinsinnig-künstlerische Teil der Partei – Victor Matejka oder Ernst Fischer als Beispiele – beeindruckte nur Randgruppen.

So wurde die allgemeine Wahrnehmung zur Realität. Ökonomisch sollte sich das lohnen, von der Mineralölwirtschaft bis zum Lebensmittelhandel, die KPÖ wurde eine reiche Partei. Politisch hieß das aber, dass man zu den Ereignissen in Budapest und später zum Prager Frühling auf sowjetischer Linie zu bleiben hatte und damit auch die letzten kritischen Köpfe aus den eigenen Reihen vertrieb.

Die Implosion des Sowjetimperiums setzt hier einen vermeintlich endgültigen Schlusspunkt. Erst die Vernachlässigung der neuen sozialen Fragen, vor allem in den urbanen Räumen außerhalb Wiens durch die etablierten Parteien, die drängenden Wohnungsfragen, die Schere zwischen Reich und Arm, eröffnete ein tatsächlich wichtiges Betätigungsfeld für die Restbestände der KPÖ.

Vorgelebte Beispiele wie der Lohnverzicht zugunsten rascher Hilfe in Notlagen nötigten und nötigen auch einer breiten Öffentlichkeit Bewunderung und Respekt ab. In Graz konnte man „Graswurzelbewegung“ die jüngsten Wahlen gewinnen. Ideologisch scheint aber die Lösung von historischen Irrwegen noch nicht wirklich gelungen. Das wird aber die Gretchenfrage werden, an der sich die Chance einer längerfristigen politischen Wirkung entscheiden wird.

Helmut Konrad ist Historiker an der Karl-Franzens-Universität in Graz.

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