© Kurier/Jürg Christandl

Meinung Gastkommentar
06/02/2021

VW wie Wirecard: Millionen Geschädigte bleiben auf der Strecke

Whistleblower spielten eine tragende Rolle. Diese muss gestärkt werden.

Als vor fünfeinhalb Jahren der VW Dieselskandal aufflog, konnte man gar nicht glauben, dass so ein angesehener Konzern Millionen von Kunden jahrzehntelang betrogen hat. Wie die Dokus über Wirecard eindrucksvoll zeigen, hielt es niemand für denkbar, dass die Erfolgsstory dieses strahlenden Sterns am DAX-Himmel aus lauter Lügen bestand. Hier wie da haben alle zuständigen Kontrollinstanzen total versagt. VW ist es in den USA gelungen, die Umweltbehörde EPA jahrelang an der Nase herumzuführen. Wirecard schaffte es erfolgreich, Steuerberatern, Bilanzprüfern und der Börsenaufsicht Umsätze vorzugaukeln, die es gar nicht gab.

Bei VW wie bei Wirecard spielten Whistleblower eine wichtige Aufdecker-Rolle. Nur wurden sie nicht gehört.

Bei Wirecard waren es ehemalige Mitarbeiter, die als Whistleblower ihre Behauptungen genau belegten, konnten. Trotzdem geschah ….„nichts“! Hier wie da waren Medien ins Spiel, angetrieben von Journalisten, die sich darauf spezialisiert hatten. Hier wie da blockten die Angegriffenen mit falschen Informationen ab. So behauptete der VW Konzern allen Ernstes, dass genau dieselben Abschalteinrichtungen in Europa nicht verboten seien, für die er in den USA Milliarden Dollar Strafe zahlte. Bei Wirecard gelang es den eiskalten Machtprofis zunächst, aufkeimende Zweifel mit großem PR-Getöse wegzuwischen und dreiste Lügen aufzutischen. Es ist zu hoffen, dass die Mühlen der Justiz im Falle Wirecard nicht so langsam und so holprig mahlen wie bei VW.

Die Zeit spielt den Tätern in die Hände, je länger Gerichtsverfahren dauern, desto mehr verlieren die Opfer und am Ende stehen die Betrüger als (finanzielle) Gewinner da. Obwohl der deutsche Bundesgerichtshof (BGH) vor genau einem Jahr eindeutig geurteilt hat, das VW seine Kunden „sittenwidrig und arglistig geschädigt“ hat und daher zu Schadenersatz verpflichtet ist, versucht VW noch immer, Gerichtsverfahren mit hanebüchenen Argumenten in die Länge zu ziehen, auch in Österreich. Kein Zweifel: Fälle a là VW und Wirecard finden statt, siehe gefährdende Verhütungsspiralen oder garantierte Höchstzinsen, die plötzlich verschwinden.

Aus Sicht der Geschädigten ist spätestens jetzt klar: gegen international agierende Betrüger muss man konzertiert, organisiert und weltweit vorgehen. Dazu braucht es unabhängige Schutzorganisationen, die die Interessen betrogener Verbraucher und Anleger tatsächlich vertreten, wie bei VW der Verbraucherschutzverein (VSV) in Österreich oder die Deutsche Umwelthilfe (DUH) in Deutschland. Sie brauchen dafür aber geeignete rechtliche Instrumente, denn ohne Klagen geht es nicht. Jedenfalls ist dringend dafür zu sorgen, dass Kontrollorgane die nötige Ausstattung haben, um das zu tun, wofür sie geschaffen wurden.

Lydia Ninz ist Wirtschaftsjournalistin mit eigenem Blog (www.lydianinz.at) und im Verbraucherschutzverein (VSV) zuständig für Medienarbeit.

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