© Simone Heher-Raab

Meinung Gastkommentar
10/23/2021

Tamagotchi

Ist das Mandat bei allen Parlamentariern gut aufgehoben?

Haben Sie all diese Parlamentsspektakel der letzten Zeit gesehen? Unglaublich. Als hätte uns eine Zeitmaschine zurückkatapultiert. Gymnasium. Ende Unter-, Anfang Oberstufe.

Ab der Siebten war den SchülerInnen dann recht deutlich anzusehen: Das Ärgste ist vorbei, die Pubertät bald übertaucht, der Hormonhaushalt pendelt sich langsam wieder ein. 2007 dann mein letztes Schuljahr (als HerrFessor). Steve Jobs stolz auf sein erstes iPhone, wir über die Akkulaufzeit unseres Nokias.

Kinder, die aus Sorge, ja Todesangst, gar nicht anders konnten, als ihr Tamagotchi zu füttern, saßen kaum noch in den Klassen, dafür wurden unter der Bank mittels Nintendo DS Highscores geknackt. Die besten Gamer durften dann zurück auf Level 1, als einzige mit Bartwuchs und Schuhgröße 45 unter Gstermln.

Ergo zwei gewagte Thesen: Vielleicht steigert sich durch Zuhören die Chance zu verstehen und somit mitzukommen? Vielleicht setzt soziales, weltoffenes Lernen voraus, nicht nur mit sich selbst beschäftigt sein zu wollen? Völlig absurd, ich weiß!

Dieser Begriff wurde in den Parlamentssitzungen übrigens auch gelegentlich verwendet: Absurd. Sogar in der spannenden Kombination: Demokratiepolitisch absurd. Seither geht mir dieses Bild einfach nicht mehr aus dem Kopf: Erwachsene Menschen, die freien Willens als Volksvertretung in einer Institution sitzen, deren Name sich von „parler“ (franz.) herleitet (reden / parlement: Unterredung) und dort gelangweilt ihre Zeit abbrummen, dabei bevorzugt auf ihr Handy starren, herumtippen, während der Reden anderer ungeniert mit Kollegen plaudern.

Volksvertretung von Turnpatschen bis Trägerleiberl, von Ganzkörper-Tattoo über Irokesen bis Frack, nichts spricht dagegen, sollen die Leute in den Debatten herumbrüllen, austeilen auf Sandkistenniveau, echte Emotionen, Lebendigkeit zeigen… aber auf staatstragend kostümiert einen jener Plätze einzunehmen, den innezuhaben die größte Verantwortung für dieses Land bedeutet, und dort nichts als hoch bezahltes Desinteresse zu zeigen, miteinander, voreinander, und dank Live-Übertragung sogar vor uns sogenannten SteuerzahlerInnen, da stellen sich dann doch die Fragen: Ob vielleicht eine Tamagotchi in solchen Händen besser aufgehoben wäre, als ein Mandat?

Ob die für unsere Politik geforderten Anstandsregeln womöglich erst im Kleinen beginnen müssen, um das Große begreifbar werden zu lassen? Wie in Kasperl-, Puppen- und nur Theater, in Schulen, jedem Auto, mit einem simplen Handyverbot, insbesondere für jene, die hinter dem Steuer eines ganzen Landes sitzen? Hat jemand, der nicht zuhören kann und will, dem der unmittelbare Diskurs mit seinem Gegenüber schlichtweg an A-Z vorbeigeht, in einem Parlament überhaupt etwas verloren? Trotzdem dort zu sitzen: Das ist demokratiepolitisch absurd.

Thomas Raab ist Schriftsteller und Drehbuchautor.

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