© Stefan Klüter

Meinung Gastkommentar
11/27/2021

Schwäche des Täters

Die Opferrolle wird gemieden. Reden wir über die Auslöser!

Gewalt hat viele Gesichter. Sie blickt durch die Augen Vertrauter in der Familie. Sie liegt in den Gesichtszügen der Mitstreiter am Arbeitsplatz. Sie ist anonym, wie im Netz. Ihr Ausdruck ist physisch, verbal oder sexualisiert. Durch ihre Vielgestaltigkeit wird sie oft nicht erkannt. Auch milde, subtile Gewalt ist kein Kavaliersdelikt. Mehr als ein Viertel der Menschen jeden Alters haben Gewalt im Netz erlebt. Männer sind häufiger mit ihr konfrontiert als Frauen.

Gewalt im Netz darf nicht dazu führen, dass sich Betroffene regressiv zurückziehen und das Grundrecht der freien Meinungsäußerung eingeschränkt wird, deren Ausübung den politischen Diskurs ermöglicht und damit die Realisierung der Demokratie. „Gewalt liegt dann vor, wenn Menschen so beeinflusst werden, dass ihre aktuelle somatische und geistige Verwirklichung geringer ist als ihre potenzielle Verwirklichung“ ist die bis heute gültige wissenschaftliche Begriffserklärung, deren Formulierung klar erkennen lässt, dass die Persistenz von Gewalt durch die Beschneidung des Einzelnen auch den Reichtum der sich entfaltenden Gesellschaft vermindert. Gerade am Arbeitsplatz muss oft erst begriffen werden, dass Gewalt stattfindet, um den Betroffenen den realen Rechtssinn einzuräumen, sich gegen diese zur Wehr zu setzen.

Durch die Gefahr der gesellschaftlichen Stigmatisierung sehen Opfer oft keine Mittel, sich zu wehren und gleichzeitig schadlos zu halten. Zielstrebige Menschen möchten in der Berufswelt nicht mit dem Attribut der Schwäche assoziiert werden, das dem Opfer fälschlicherweise zugesprochen wird.

Auch entsteht die Wahrnehmung des Problems erst, wenn das Opfer sich zu Wort meldet und damit der Bias, dass das Problem von diesem ausgeht. Gewalt sagt a priori nichts über das Opfer aus, sondern legt lediglich offen, dass der Aggressor keinen Respekt vor der Integrität desselben hat. Wir alle, und im Besonderen junge Frauen, sollten uns durch diese Grundlogik darin bestärkt sehen, uns in der Rolle des Opfers nicht als schwach zu erleben oder uns gar selbst Mitschuld zuzuweisen: Der Aggressor kreiert den Gewaltakt. Diesem ist eine Täterrolle und eine Opferrolle inhärent. Sich in der Rolle des Opfers wiederzufinden ist demnach den Eigenschaften des Aggressors zuzuschreiben. Dieser kreiert das Opfer, das Problem, ist Störvariable und sollte als schwaches Glied in der Kette des menschlichen Zusammenhalts wahrgenommen werden. Erst durch den ideellen Wandel des Bewusstseins der Allgemeinheit, wird die reale Gewalt verschwinden, weil diese offensichtlich geworden, und ihr größter Schlupfwinkel, ihr Nicht-Bewusstsein in den Köpfen der Menschen, verschwunden sein wird. Die Gesichter der Gewalt müssen ihren Anschein des Normalen verlieren, um dieselbe als das zu enttarnen was sie ist: Menschliche Schwäche des Täters.

Liliane Zillner Schauspielerin und Medizinstudentin

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