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Meinung Gastkommentar
04/23/2022

Schmerzen machen verdächtig

Was meine Migräne mich über die Gesellschaft lehrte

Die Akzeptanz von Schmerzen sagt viel über die Gesellschaft, aus, in der man lebt. Sie leidet an überholten Verhaltensmustern, die unbewusst weitergegeben werden, an Glaubenssätzen, die unhinterfragt übernommen werden. Sie unterscheidet nach Geschlecht, sozialem Status, Art der Schmerzen des Betroffenen. Der Skifahrer, der sich beim Horrorcrash verletzt hat, darf seine Schmerzen offen zeigen. Er ist ein Held. Die Lehrerin, die den Unterricht abbricht wegen eines Migräneanfalls, wird gerügt, von Eltern und Schule gleichermaßen. Sie soll funktionieren.

Wie es Schmerzgeplagten ergeht, die ihren Zustand eben nicht verleugnen, weiß ich seit ca. 15 Monaten aus eigener Erfahrung. Damals hat sich die Migräne, die mich seit Teenagertagen vielleicht sechsmal pro Jahr lahmlegte, plötzlich verschlechtert. Seither stehe ich bei durchschnittlich fünf Anfällen im Monat, wenn ich Pech habe, können es auch acht sein.

Die Gründe dafür sind wie vieles bei dieser Krankheit nicht ganz klar. Vielleicht waren es die veränderten Lebensumstände, die Einschnitte durch die Pandemie, eine Hormonumstellung. Neurologen sagen sehr oft „vielleicht“, wenn es um Migräne geht. Sie meinen es nicht böse. Sie wissen es eben auch nicht so genau. Ich bin keine Anhängerin von Lügen, wenn es den Gesundheitszustand betrifft. Nicht nur aus Wahrheitsliebe. Ich glaube, es ist ungesund, verschiedene Versionen von sich selbst zu erzählen, noch dazu, wenn sie unwahr sind. Das tut dem Ich nicht gut. Und dem Wir erst recht nicht.

Die Schmerzen der anderen sind mir durchaus zumutbar. Und meine Schmerzen ihnen.

Doch die Reaktionen auf notwendige Absagen, beruflich wie privat, die ich mit einem akuten Migräneanfall begründet habe, haben mich eines Besseren belehrt. Sie wechselten zwischen offener Enttäuschung – „Ich habe extra für uns gekocht!“ – Vorwürfen – „Jetzt habe ich den Konferenzraum schon gebucht!“ – und Verdächtigungen – „Seltsam, gestern ging es dir doch noch ganz gut!“.

Häufig kommt auch die Aufforderung, statt einer Absage doch einfach eine Tablette zu nehmen. Als hätte man sich nicht längst medikamentös versorgt und trotzdem mit starken Beschwerden zu kämpfen. Bei Migräne ist das neben Schwindel, Übelkeit und Brechreiz ein Taubheitsgefühl in Händen und Füßen, das es mir manchmal schwer macht, einen Stift zu halten. Schmerzen haben keinen Platz in unserer Gesellschaft. Sie werden abgetan als Laune, als Lüge, als Legende. Als Betroffene will ich kein Mitleid, kein gutes Zureden, kein verbales Über-den-Kopf-Streicheln. Ich würde mir für mich und alle Menschen, die regelmäßig mit Schmerzen kämpfen, viel mehr wünschen, dass das ewige Sich-erklären- und Rechtfertigen-Müssen endlich aufhört. Das wäre gesellschaftlich gesehen für uns alle gesünder.

Barbara Kaufmann ist Journalistin und Autorin.

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