© REUTERS/KAI PFAFFENBACH

Meinung Gastkommentar
03/08/2021

„Mit alten Gewohnheiten brechen“

Daheim, im Job, bei der Karriere – Frauen müssen die alten Systeme hinter sich lassen

Die Corona-Pandemie hat uns große Opfer abverlangt. Zu viele haben ihr Leben oder einen geliebten Menschen verloren. Andere haben um ihr Überleben gekämpft – physisch, emotional, finanziell.

Nach einem Jahr Pandemie zeigt sich deutlich, dass die sozialen und wirtschaftlichen Folgen für Frauen besonders einschneidend sind. Frauen arbeiten unverhältnismäßig oft in den vom Virus am stärksten betroffenen Branchen. Sie sind öfter im informellen Sektor tätig, der nicht von staatlichen Hilfsprogrammen erfasst wird. Und viele Frauen müssen den Spagat meistern, sich um Angehörige zu kümmern und gleichzeitig ihrer eigenen Arbeit nachzukommen.

Diese Entwicklungen könnten dazu führen, dass die hart erkämpften Fortschritte bei der Geschlechtergleichstellung wieder zunichtegemacht werden. Das dürfen wir nicht zulassen.

Es gibt aber auch Hoffnung auf Veränderungen. Am heutigen Weltfrauentag möchte ich daher an uns alle appellieren, an Frauen und Männer, alte Gewohnheiten infrage zu stellen und neue Strukturen zu schaffen, die besser zu unseren heutigen Bedürfnissen passen.

Die Arbeit beginnt zu Hause. Die Pandemie führte uns vor Augen, wie ungleich die unbezahlte Arbeit zwischen Frauen und Männern verteilt ist. Gleichzeitig zeigte sie, dass es in Partnerschaften auch anders gehen kann. In manchen Familien übernahmen Väter den größten Teil der Betreuung, da sie von zu Hause arbeiten mussten oder in Kurzarbeit waren, während die Mütter systemrelevante Berufe außer Haus ausübten.

Sollte es dabei bleiben, kann ein solcher Bruch mit traditionellen Normen Frauen die Möglichkeit geben, ihre Ziele und Wünsche anderweitig zu verwirklichen – bei der Arbeit oder im gesellschaftlichen Leben. Eine stärkere Teilhabe von Frauen im Beruf – unterstützt durch entsprechende staatliche Kinderbetreuung und flexible Arbeitszeitregelungen für Frauen und Männer – wäre ein großer Schritt zur Reduzierung des geschlechtsspezifischen Lohngefälles. Frauen in der EU verdienen im Durchschnitt 14,1 % weniger pro Stunde als Männer. Wenn Kinder in einem Haushalt aufwachsen, in dem die häuslichen Pflichten gleichmäßiger verteilt sind, dann sind auch ihre Vorstellungen von der Rollenverteilung in der Familie stärker von Gleichberechtigung geprägt.

Bessere Bezahlung

Auch am Arbeitsplatz ist noch viel zu tun. Von den rund 18 Millionen Beschäftigten, die im Euroraum im Gesundheits- und Pflegebereich tätig sind, sind drei Viertel Frauen. Im Bildungssektor ist der Frauenanteil etwa ebenso hoch. Nun, da wir gesehen haben, wie wichtig diese Berufe für die Gesellschaft sind, sollten wir sie entsprechend anerkennen und bezahlen.

Wir brauchen aber auch mehr Frauen, die in den Bereichen Wissenschaft, Technik, Ingenieurwesen und Mathematik arbeiten. Vor allem würde ein höherer Anteil von Frauen in diesen besser bezahlten Berufen dazu beitragen, den geschlechtsspezifischen Lohnunterschied zu verringern.

Lassen Sie uns also etablierte Karrierewege infrage stellen – und Frauen und Mädchen ermutigen, dorthin zu gehen, wohin bisher zu wenige Frauen gelangt sind. Heute starten wir bei der EZB die nächste Runde unserer Stipendien für Wirtschaftsstudentinnen.

Führungskräfte

Auch bezüglich des Anteils der weiblichen Führungskräfte gibt es noch viel Arbeit. Die Pandemie hat uns gezeigt, welchen Wert weibliche Führungskräfte vor allem in Krisenzeiten besitzen. Untersuchungen während der Pandemie ergaben: Frauen wurden von ihren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen als effizientere Führungskräfte beurteilt als Männer. Weibliche Führungskräfte pflegten einen besseren Umgang mit ihren Beschäftigten.

Allerdings sind nur 18,5 % der EU-Regierungschefs Frauen. Keine der nationalen Zentralbanken des Euroraums wird von einer Frau geleitet. Auf den Vorstandsetagen der Unternehmen ist der Frauenanteil ähnlich gering. Nur 7,5 % der Chefs der größten börsennotierten Unternehmen Europas sind Frauen. Bei der EZB haben wir den Anteil weiblicher Führungskräfte zwischen 2013 und 2019 mehr als verdoppelt. Nun wollen wir diesen Anteil bis 2026 auf 40 % steigern.

Lassen Sie uns also hinterfragen, wie wir unsere Führungsebenen gestalten, und für mehr Vielfalt in unseren Vorständen, Parlamenten und Regierungen sorgen. Wenn die häusliche Arbeit gleichmäßiger aufgeteilt wird und Frauen vielseitigere Karrieremöglichkeiten haben, können sie sich stärker in die Gesellschaft einbringen, sich politisch engagieren und zur Stimme für all jene werden, die gehört werden müssen. Lassen Sie uns gemeinsam vorangehen und mit alten Gewohnheiten brechen, um als stärkere, gerechtere und nachhaltigere Gesellschaft aus dieser Pandemie herauszukommen

Christine Lagarde ist Präsidentin der Europäischen Zentralbank.

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