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Meinung Gastkommentar
10/30/2021

Mihály Csíkszentmihályi ist tot, sein flow lebt weiter

Andreas Salcher über seinen verstorbenen Mentor, der als Glücksforscher Maßstäbe gesetzt hat

Es hat mich unendlich traurig gestimmt, dass mein wissenschaftlicher Mentor, der Entdecker des flow-Prinzips Mihály Csíkszentmihályi am 20. Oktober verstorben ist. Mihaly war ein unglaublich intelligenter und gleichzeitig bescheidener Mensch, den ich oft für meine Bücher in seinem Haus in Claremont interviewen durfte.

Er gehörte zu den wenigen seiner Familie, die knapp vor Ende des Zweiten Weltkriegs aus Ungarn flüchten und somit überleben konnten. Diese bitteren Erfahrungen weckten in Csíkszentmihályi das Interesse für Philosophie, Literatur und Religion. Durch einen Zufall hörte er als 15-Jähriger einen Vortrag von C. G. Jung in der Schweiz. Von diesem Augenblick an war er von Psychologie fasziniert und ging dann später aufgrund der besseren Studienmöglichkeiten in die USA.

Da er seit seinem 14. Lebensjahr arbeitete, schloss er nie eine Schule ab. In den USA gab es damals aber eine sehr selektive Studienzulassungsprüfung, zu der man auch ohne jedes Schulzeugnis antreten konnte. Er bestand diese aufgrund seiner herausragenden Intelligenz.

Danach beschloss er der Erforschung der Freude sein Leben zu widmen. Weltberühmt hat ihn der flow gemacht, den er zufällig beim Beobachten von spielenden Kindern entdeckte. flow ist das Gefühl, wenn wir gänzlich in einer Tätigkeit aufgehen und die Zeit dabei vergessen.

Wir erleben dabei den Prozess als Fließen von einem Augenblick zum nächsten und spüren irgendwann keine Trennung mehr zwischen uns und der Umwelt. Wir alle habe diese Erfahrung selbst als Kinder am Spielplatz gemacht, wenn uns unsere Mutter mit sanfter Gewalt nach Hause schleppen musste, weil wir völlig das Zeitgefühl verloren hatten.

Eine der wichtigsten Züge des flow ist, dass wir uns diesem Erlebnis um des Zustandes willen hingeben und nicht wegen der verbundenen äußeren Belohnungen. In der Trennung in das, was nützlich ist, und das, was Freude machen darf, sah Csíkszentmihályi das Grundübel unserer Gesellschaft.

Viel zu früh würden Kinder lernen, innere Freude an dem, was sie tun, mit kurzfristiger Konsumbefriedigung zu verwechseln. Was sind die drei Elemente, die uns in eine positive Glücksspirale bringen können? 1. flow 2. Sinn – das ist die individuelle Bedeutung, die eine Tätigkeit für uns hat. 3. Freude – damit ist die Genussfähigkeit gemeint.

Wenn wir vollständig in etwas aufgehen, das wir selbst als sinnvoll empfinden, werden uns flow-Erlebnisse zuteil. Die Freude, die daraus resultiert, ist der Schlüssel zu einem glücklichen Leben. Gemeinsam mit Martin Seligman schuf Csíkszentmihályi später die Grundlagen der Positiven Psychologie. Gäbe es einen Nobelpreis für Psychologie, er hätte ihn zweifellos erhalten.

Geradezu prophetisch ist ein Zitat von Csíkszentmihályi: „Die Zeit der Unschuld ist vorbei. Unsere Spezies ist zu mächtig geworden, um sich allein von Instinkten leiten zu lassen. Wir müssen erkennen, welche Motive unser Handeln steuern und welche Rolle wir in der Evolution spielen. Wenn wir auch weiterhin eine Geschichte haben wollen, müssen wir bereit sein, sie zu gestalten.“

Andreas Salcher ist Mitbegründer der Sir-Karl-Popper-Schule in Wien und ehemaliger ÖVP-Politiker.

 

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