© Ingo Pertramer

Meinung Gastkommentar
03/10/2021

Keine Angst vor Inflation!

Die Teuerung ist nicht das Problem – sondern, dass sie ungerecht verteilt ist

Geht es nach so manchem Wirtschaftsexperten, droht uns die Gefahr einer neuen Inflation. Die Warnungen vor Inflation sind dabei seltsam vertraut. Denn davor, dass höhere Staatsausgaben über höhere Nachfrage zu höheren Preisen führen können, wird schon seit Jahren gewarnt – zuletzt etwa nach der Finanzkrise 2008.

Passiert ist damals dann eher das Gegenteil: Mit Ho-ruck-Spar-Aktionen auf europäischen Zuruf musste die Euro-Krise bewältigt werden, statt staatliche Impulse zu setzen. Das Resultat? Die Arbeitslosigkeit in Europa ging viel zu wenig zurück. Und auch die befürchtete Inflation blieb aus – stattdessen waren eher deflationäre Tendenzen zu sehen.

Auch für die Zukunft ist hohe Inflation nicht zu erwarten: Für große Lohnerhöhungen wird die Arbeitslosigkeit noch lange zu hoch bleiben. Einen echten, inflationstreibenden Arbeitskräftemangel, sofern es so etwas in einer globalisierten Wirtschaft noch geben kann, auch nicht.

Wem nützt das Gerede um die Inflation jetzt? Meistens wird das Schreckgespenst Inflation dann bemüht, wenn es um staatliche Konjunktur-Spritzen geht – oder um Lohnerhöhungen. Hintergrund ist oft eine dogmatische Ablehnung eines starken Sozialstaats. Und das, während die USA (auch vor dem Regierungswechsel) auf eine eher pragmatische Geldpolitik setzen, die den Aufschwung und die Beschäftigung im Blick hat, während der Internationale Währungsfonds an die Regierungen appelliert, nicht zu sparsam zu sein, während die OECD betont, dass Wachstum und Gleichheit keine Gegensatzpaare sind. Das einzige Problem, das wir mit Inflation tatsächlich haben, ist, dass sie sehr ungleich verteilt ist.

Für Menschen mit geringeren Einkommen ist die Inflation deutlich höher als für den Durchschnitt. Nicht zuletzt, weil erstere einen größeren Anteil ihres Budgets für Lebensmittel und Mieten ausgeben: Bereiche, in denen die Preise in den letzten Jahren tendenziell stärker gestiegen sind als etwa für elektronische Geräte oder Reisen und Verkehr. Zudem gewichtet die gängige Berechnungsmethode nicht alle Haushalte gleich. Denn Haushalte mit höherem Einkommen geben in absoluten Zahlen auch mehr wieder aus. Auch zwischen Stadt und Land unterscheiden sich die Inflationsraten signifikant. So liegt die kumulierte Inflation (2016–’19) für einen Haushalt am Land, der in Eigentum lebt, fast 4 Prozentpunkte unter jener eines Wiener Haushaltes in einer Mietwohnung.

Diesem Ungleichgewicht ist sinnvollerweise aber nicht über die Geldpolitik zu begegnen, sondern über höhere Löhne und eine offensive Wohnpolitik. Am allerwichtigsten ist jetzt aber, nicht die Fehler aus der Zeit nach der Finanzkrise zu wiederholen: mit angezogener Bremse kommen wir nicht aus der Rezession. Und wenn wir statt über die dringendsten Probleme – die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und die Klimakrise – über Inflationsgespenster sprechen, tun wir unserem Wohlstand keinen Gefallen.

Barbara Blaha leitet den linksliberalen Thinktank Momentum Institut.

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