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Meinung Gastkommentar
11/02/2021

Hate Speech: die Sprache der Anderen?

Hassreden waren und bleiben sprachliche Schatten der menschlichen Kulturgeschichte. Sprachliche Armut, die höchst gefährlich ist

Die Sprachwege von der Vereinfachung zum Vorurteil und vom Angstbild zum Feindbild sind kürzer geworden. Nicht nur die politische Sprache wird weltweit dem Ruin überantwortet. Auch am „digitalen Stammtisch“ herrscht Gebrüll und statt differenzierter Debatte allumfassender Verkürzungszwang samt verschärfender Rhetorik. Auch die Polit-Sprache verfiel zusehends, nachdem 140 Zeichen bereits als politische Position zu gelten begannen.

Sprachliche Sonderdeformationen wurden möglich, offene politische Lügen konnten unter dem Deckmantel der freien Rede bedenkenlos als „Diskussionsbeiträge“ und „demokratische Partizipation“ in den Diskurs infiltriert werden. Unsagbares wurde sag- und sendbar.

Spätestens seit der Präsidentschaft des großen politisch-kulturellen Entwerters in Washington mutierten Sprachentgleisungen und Feindbildrhetorik zur Normalsprache. Stereotype und Herabwürdigungen standen an der Tagesordnung und drohen nunmehr sprachlich zur neuen europäischen Normalität – jedoch nicht ohne Folgewirkungen – zu werden.

Die politische Dekultivierung nimmt ihren Lauf. Viele der neuen europäischen Möchtegern-Demagogen benötigen keine Sprachkultur mehr, sie stellen sich über diese. Die perfide, leise und langsame Vergiftung der Alltagssprache schreitet voran. Insbesondere dann, wenn die Freiheit des Wortes unterminiert und kritischen Medien, als „Fake News“ verunglimpft, pauschal abgesprochen wird.

Massentauglichkeit

Die Eigenwahrnehmung der Lebenswirklichkeit vieler Menschen oszilliert zwischen konkreter Furcht und diffuser Angst. Vor diesem Hintergrund wird das Habhaft-Werden der gesellschaftlichen Mehrheit, die pandemiegeschwächt nicht mehr an politische Partizipation glaubt, mittels perfider Rhetorik immer unverfrorener. Im Zentrum steht der politisch-rhetorische Marktplatz des „Als“ und des „Als ob“. Auf diesem ergreifen populistische Politikerinnen und Politiker von rechts und links, die sich selbst Volksnähe attestieren, scheinbar Partei: für die Interessen des sogenannten „kleinen Mannes“, für ein nicht näher definiertes Volk.

Das ist plebiszitäre Demagogie, die den politischen Inhalt längst verdrängt hat. Verbalradikalismus und seine Eskalation zur Hassrede sind deshalb so attraktiv für bestimmte Politcharaktere, da sie Aufmerksamkeit erzeugen.

Die kultivierte Gegenrede, das Argument, wirkt langatmig, begründend und erklärend. Es ist daher wirkungspsychologisch im Nachteil gegenüber der kurzen, scharfen und schneidenden Hassrede. Der Prozess von der Sprachgewalt zur Gewalt durch Sprache und von dieser zur gewaltsamen Tathandlung vollzieht sich nicht mit Notwendigkeit.

Doch der latente Hass wird durch die Sprache aufgeweckt, er wird manifest und bis zu seiner Entladung gesteigert. Und überall dort, wo Sprachhandlungen beginnen, zur Verletzungsgefahr durch Sprache zu werden, brechen Konkurrenzverhältnisse auf: zwischen dem Recht auf freie Meinungsäußerung und dem Gebot des Schutzes der Menschenwürde.

Paul Sailer-Wlasits ist Sprachphilosoph. Er veröffentlichte den Band  „Verbalradikalismus“ (Königshausen & Neumann).

 

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