© Kurier/Juerg Christandl

Gastkommentar

Gemeinsam statt närrisch

In der Krise sollten wir uns nicht auseinanderdividieren lassen

12/24/2022, 05:00 AM

Wollen wir als Narren untergehen? Wenn nicht, dann müssen wir nach Martin Luther King als Brüder [und Schwestern] miteinander leben. Der Bürgerrechtler King wusste nur zu gut, wie gefährlich eine zutiefst zerrissen Gesellschaft ist. Wir leben in schweren und schwierigen Zeiten.

Nach Jahren des Wohlstandes und des Friedens, änderte sich unsere Welt innerhalb kurzer Zeit. Krieg, Teuerung, Klimawandel stellen ungekannte Herausforderungen dar. Politisch aber auch als Gemeinwesen müssen wir uns jetzt beweisen.

Panik als Reaktion ist sinnlos, Panikmache aus Kalkül zutiefst verwerflich. Die ganze Gesellschaft spürt den Druck, nicht immer in allen Bereichen gleich, aber dennoch. Bei Älteren kommen Erinnerungen an die Nachkriegszeit, an die Energiekrise der 1970er-Jahre, an den Kalten Krieg hoch. Jüngere fragen, wie Krieg, Klima und Wirtschaftskrise sich auf ihre Zukunft auswirken.

Die einen fürchten zu verarmen, die anderen, Wohlstand zu verlieren. Die einen fürchten Veränderung, die anderen fordern sie vehement und teilweise aggressiv ein. Diese Partikularinteressen haben Potenzial, die Gesellschaft auseinanderzudividieren. Dann nämlich, wenn wir die Sorgen der anderen nicht ernstnehmen, nicht Verantwortung füreinander und die eigenen Handlungen übernehmen.

Ja, die ältere Generation ist für den Klimawandel mitverantwortlich. Sparsamkeit im Umgang mit Ressourcen war vor 50 Jahren im öffentlichen Bewusstsein noch nicht wirklich verankert. Ja, die Jungen profitierten lange von dem Wohlstand, der ab den 1960ern geschaffen wurde und den sie jetzt scharf kritisieren. Dennoch gilt: Als Gesellschaft überleben wir nur gemeinsam. Einander ausspielen mag kurzfristig Vorteile bringen, à la longue gibt es nur Verlierer.

Vielleicht sollten wir uns gerade jetzt in der Krise an den Kamelen ein Beispiel nehmen. Diese zu Unrecht als dumm angesehenen Tiere leben in ihrem Sozialverhalten vor, wie schwierige Situationen bewältigbar sind: Sie kennen innerhalb der Herde keine Hierarchien, alle sind gleichwertig, niemand wird ausgegrenzt, herabgewürdigt oder bekämpft. Ältere Tiere bugsieren die Jüngeren durch Gefahrensituationen.

In Mangelzeiten wird nicht gerauft – das kostet zu viel Energie – sondern mit den vorhandenen Ressourcen sparsam gewirtschaftet. Nur so überleben Einzeltier und Herde. Und das funktioniert, obwohl die Tiere als ausgesprochen eigenwillige Individualisten gelten. Vor die Wahl gestellt, ziehe ich vor, solidarisch wie ein Kamel zu überleben statt als Närrin unterzugehen.

Nachtrag: Das vollständige Zitat von Martin Luther King lautet: „Wir müssen lernen, entweder als Brüder miteinander zu leben oder als Narren unterzugehen.“ Mein Wissen über Kamele bezog ich aus dem Buch „111 Dinge, die man über Kamele wissen muss“.

Ingrid Korosec ist Präsidentin des Österreichischen Seniorenrates.

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