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Meinung Gastkommentar
04/02/2022

Es gibt genug Lebensmittel

Aber sie werden nicht nachhaltig verwendet. Zeit, das zu ändern

Der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine hat in Europa die Angst vor Hunger und Lebensmittelknappheit befeuert. Von den hohen Gas- und Kunstdüngerpreisen und den Ernteausfällen in der Ukraine ist vor allem die Agrarindustrie betroffen. Um diese zu retten, sollen jetzt Maßnahmen zur Ökologisierung der Landwirtschaft, wie in der „Vom Hof auf den Tisch“-Strategie, zurückgenommen und aufgeweicht werden.

Die Veröffentlichung eines Naturschutzpakets hat die EU-Kommission verschoben. Als Sofortmaßnahme wurden Brachflächen für den Anbau von Tierfutter freigegeben. Doch sind diese Maßnahmen wirklich geeignet, um die Lebensmittelsicherheit in der EU sicherzustellen?

Klären wir die wichtigste Frage zuerst: Nein, es gibt keine Lebensmittelknappheit in der EU. Im Gegenteil: Wir leben im Überfluss. 30 Prozent der Lebensmittel landen im Müll. Von den jährlich produzierten 290 Millionen Tonnen Getreide werden nur 20 Prozent von uns gegessen, der Rest wird zum Großteil als Futtermittel in der Massentierhaltung und Bioethanol verwendet. Die EU kann als Exportweltmeisterin die reale Gefahr einer Hungersnot in Nordafrika durch Hilfslieferungen sogar lindern. Wir müssen dafür nicht mehr anbauen, sondern die Zielsetzung ändern: Weizen auf den Teller, statt in den Trog und in den Tank.

Bei der Brachflächenfreigabe geht es weder um die Vermeidung von Hungersnöten, noch um die Unterstützung von klein- und mittelständische Bäuer*innen.

Denn die regionale Landwirtschaft, die klimaschonend arbeitet und ihre Tiere mit selbst angebauten Futtermitteln versorgt, ist vom Krieg und den Lieferengpässen weniger betroffen. Es geht um den Profit und die Stützung des globalisierten Systems der Agrarindustrie.

Die Billigfleisch-Massentierhaltung funktioniert wirtschaftlich nur durch die Produktion von Billig-Futtermitteln in riesigen Monokulturen mit hohem Pestizideinsatz und unter Ausbeutung von Mensch und Umwelt. Das Fleisch wird zu Dumpingpreisen auf den Weltmarkt geschleudert und verdrängt die regionale Landwirtschaft. Diesen Teufelskreis müssen wir brechen, denn der CO2-Ausstoß des Agrarsektors beschleunigt die Klimakrise und belastet die Umwelt. Die jetzige Rücknahme von Klima-und Artenschutzmaßnahmen ist kurzsichtig.

Für Ernährungssouveränität braucht es einen Strukturwandel in der Landwirtschaft: statt Massentierhaltung, sollte die EU nur jene tierhaltenden Betriebe fördern, die mindestens 75 Prozent ihre Futtergrundlage selbst produzieren. Außerdem muss die Überproduktion von Fleisch in Europa und die Lebensmittelverschwendung bekämpft werden. Nur so können wir jene regionale Kreislaufwirtschaft, die aus eigener Kraft unsere Versorgungssicherheit gewährleistet, erhalten.

Thomas Waitz ist Landwirt und Ko-Vorsitzender der Europäischen Grünen.

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