© Kurier/Juerg Christandl

Meinung Gastkommentar
04/26/2022

Engagement kennt kein Alter – Diskriminierung leider schon!

Warum Altersgrenzen bei Funktionärstätigkeiten und sozialen Ausbildungen ein Fehler sind, der schleunigst behoben gehört

Vergangenen Mittwoch wurden anlässlich des Tages der Anerkennung von Freiwilligenarbeit zahlreiche Helferinnen und Helfer vor den Vorhang geholt. Auffallend, aber nicht verwunderlich ist der hohe Anteil älterer Menschen. Ehrenamtliche Arbeit ist ein wichtiger Teil des Selbstbildes der heutigen Seniorinnen und Senioren als aktive und engagierte Generation – der „neuen Alten“.

Knapp 750.000 Menschen über 60 arbeiten ehrenamtlich. 225.000 von ihnen sind über 70. Durchschnittlich fünf Stunden pro Woche stehen sie „ihrer“ Organisation zur Verfügung. Das macht jährlich insgesamt 188 Millionen Stunden in einem Gegenwert von 2,5 Milliarden Euro. Für viele Organisationen wäre es einfach nicht leistbar, ältere Freiwillige durch bezahlte Arbeitskräfte zu ersetzen. Als diese tüchtigen Helferinnen und Helfer zu Pandemiebeginn ausgefallen sind, ließen die Hilferuf der Vereine auch nicht lange auf sich warten.

Dazu kommt die Angehörigenpflege. Diese ist nicht nur weiblich, sondern auch älter. Der Großteil der rund 900.000 pflegenden Angehörigen ist selbst bereits über 60.

Für die Betreuung ihrer Lieben wenden sie jedes Jahr hunderte Millionen Stunden auf – unbezahlt, aber unbezahlbar. Denn hochgerechnet auf das Einstiegsgehalt einer Heimhilfe wären das pro Jahr rund vier Milliarden Euro.

Dass ältere Menschen jährlich Angehörigenpflege im Gegenwert beider Anti-Teuerungspakete der Bundesregierung leisten, muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.

All diese Beispiele machen klar, dass die „neuen Alten“ weit mehr für die Gemeinschaft tun, als auf ihre Enkelkinder aufzupassen. In vielen Bereichen geht es ohne sie einfach nicht und sie tragen wesentlich zum Funktionieren der Gesellschaft bei. Das verdient Anerkennung und Respekt.

Umso betrüblicher ist es, wenn Seniorinnen und Senioren dabei Steine in den Weg gelegt werden, etwa durch Altersgrenzen bei Funktionärstätigkeiten oder sozialen Ausbildungen. Damit sorgen die Organisationen letztendlich selbst dafür, dass ihnen jene Helferinnen und Helfer abhandenkommen, die sie am dringendsten brauchen.

Schuld an diesen Missständen sind tief verwurzelte Vorurteile. Dabei sind ältere Menschen alles andere als „alt, klapprig, krank“, sondern eine aktive, erfahrene und engagierte Generation!

Die Gesellschaft muss sich von diesen überholten Vorurteilen lösen. Das ist wichtig für den Zusammenhalt zwischen den Generationen, welcher sonst zu erodieren droht – mit unabsehbaren Folgen für uns alle. Die Seniorinnen und Senioren akzeptieren Diskriminierung schon längst nicht mehr. In Spanien beispielsweise hat die Kampagne „ich bin alt, aber nicht blöd“ gegen Diskriminierung bei Banken überwältigende Unterstützung erhalten.

In Österreich könnte Altersdiskriminierung zumindest bei Krediten in absehbarer Zeit der Vergangenheit angehören: Meine Forderung nach einem Diskriminierungsschutz nach deutschem Vorbild stößt bei Justizministerin Alma Zadić auf offene Ohren. Das ist einer von vielen wichtigen Schritten zu Gleichberechtigung in jedem Alter.

Ingrid Korosec ist Präsidentin des Österreichischen Seniorenrates.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.

Kommentare