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Meinung Gastkommentar
12/06/2021

Ein Plädoyer für das freie Spiel

Kinder, denen die Möglichkeit genommen wird, sich individuell zu betätigen, nimmt man Vieles – auch für später

Das freie Spiel ist ein Spielen, bei dem Kinder – allein oder mit Freunden – sich selbst überlassen genauso spielen, wie und solange sie wollen. Dabei lernen Kinder, weniger ängstlich zu sein und besser mit Frustrationen umzugehen. Zudem stärken sie spielerisch ihre Widerstandskraft. Resilienz ist nachweislich einer der wichtigsten Faktoren für den späteren Erfolg im Erwachsenenleben.

Spielen ist mitnichten ein Verschwenden wertvoller Lernzeit, sondern das freie Spiel ist für die Entwicklung eines Kindes unerlässlich. Friedrich Schiller behauptete sogar, dass der Mensch nur da ganz Mensch sei, wo er spiele. „Homo ludens“, der spielende Mensch.

In der Psychologie wurde der Begriff Kontrollüberzeugungen – internaler oder externaler – geprägt, um zu beschreiben, inwieweit ein Mensch das Gefühl hat, die Kontrolle über sein Leben zu haben. Personen mit interner Kontrollüberzeugung glauben, dass es an ihnen selbst liegt, ihr Leben sowie alles, was ihnen zustößt, zu steuern.

Sie haben einen inneren Antrieb, die Kontrolle erfolgt von innen. Menschen mit externaler Kontrollüberzeugung glauben hingegen, dass ihr Leben von äußeren Faktoren – der Umwelt, dem Schicksal, der Vorsehung – bestimmt wird, auf die sie kaum Einfluss haben. Ihr Antrieb kommt von außen. Studien haben gezeigt, dass Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit einer ausgeprägten externalen Kontrollüberzeugung verstärkt zu Stressanfälligkeit, Depressionen oder Angststörungen neigen.

Aus solchen Untersuchungen geht zudem hervor, dass immer mehr Kinder bereits in jungen Jahren das Gefühl haben, keine Kontrolle über ihr Leben zu haben. Diese Hilflosigkeit speist sich aus einem bedenklichen Anstieg externalen Kontrollüberzeugungen.

Nun gibt es klare Hinweise, dass dies unter anderem mit einem Mangel an freien Spielmöglichkeiten, mit ständiger Einmischung, mit ängstlicher Überbehütung und Gängelung, mit frühem Lerndruck sowie übertriebenen Leistungserwar-tungen von Elternseite einhergeht. Das sollten wir als Erziehende im Hinterkopf behalten.

Wer möchte, dass unsere Heranwachsenden zu selbstsicheren, selbstbestimmten, ausgeglichenen Menschen heranreifen, kann hier gegensteuern – etwa durch mehr Vertrauen, mehr Freiraum, mehr Zeit zum freien Spielen. In Dänemark durften Kinder lange Zeit erst mit sieben Jahren eingeschult werden, da man nicht wollte, dass diese schon früher unterrichtet wurden.

Noch heute sind viele Dänen Verfechter des freien Spiels. Unterdessen mussten auch sie den internationalen Entwicklungen Tribut zollen, indem die Einschulung nun auch schon früher erfolgt.

Dem Spiel, das andernorts zunehmend als Verschwendung wertvoller Lernzeit gesehen wird, messen die Dänen nach wie vor große Bedeutung zu. So können die Schüler und Schülerinnen am Nachmittag in eine Freizeitschule gehen, wo sie vor allem zum Spielen angeregt werden.

Dänemark wurde von der OECD seit 1973 oft zum Land mit den glücklichsten Menschen erkoren. Viele Dänen wie Däninnen führen das – vermutlich zu Recht – auf die Art ihrer Kindererziehung zurück.

Herbert Molzbichler ist promovierter  Pädagoge.

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