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Meinung Gastkommentar
12/15/2021

Die ÖVP hat Dollfuß im Museum entsorgt

Die Distanzierung half aber wenig. Anlässe für Kritik gab es immer wieder

Zwei ikonografische Fotos sind es, die sich nach 1945 in das historische Gedächtnis der beiden großen politischen Lager in Österreich eingebrannt haben: Da, bei den „Roten“, der Wiener Karl-Marx-Hof als „Palast des Proletariats“ mit den von Kanzler-Diktatur Dollfuß veranlassten Artillerie-Einschüssen des Februar 1934, dort, bei den „Schwarzen“, der auf ein Sofa gebettete Dollfuß im Bundeskanzleramt, wo er im Juli 1934 von putschenden Nationalsozialisten niedergeschossen wurde und verblutete. Daran knüpften die Meisternarrative vom Kampf der Arbeiter um Freiheit und Demokratie auf der einen, vom gegen die Nazis gefallenen „Helden- und Märtyrer-Kanzler“ auf der anderen Seite an. Noch bis weit in die 1980er-Jahre hinein war das Gedenken an Engelbert Dollfuß Bestandteil der politischen DNA der ÖVP.

Nicht nur seine ehemaligen Mitstreiter und Kanzlernachfolger Julius Raab, Leopold Figl und Alfons Gorbach hielten das Gedenken an Dollfuß hoch, auch ein Alois Mock nahm regelmäßig an Gedenkveranstaltungen teil. Doch das ist vorbei. Mittlerweile hat die ÖVP Dollfuß im Museumsdepot entsorgt.

Niemand bezweifelt mehr ernsthaft Dollfuß’ entscheidende Rolle bei der Ausschaltung des Parlaments und der Errichtung einer Diktatur sowie seinen Vernichtungskampf gegen die Sozialdemokratie, geführt mit Unterstützung der austro-faschistischen Heimwehr. Doch die Distanzierung half wenig. Immer wieder findet sich ein Anlass, um der Volkspartei den „Austrofaschisten“ und „Arbeitermörder“ vorzuwerfen, und sei es ein überarbeitungsbedürftiges Dorfmuseum im Mostviertel.

Ignoriert wird dabei, dass „Arbeitermörder“ Dollfuß die Bundesheerkanonen nicht gegen „Arbeiter“ in ihren Gemeindebauten richten ließ, sondern gegen die Angehörigen der schwer bewaffneten sozialdemokratischen Parteiarmee. Diese hatten sich darin verschanzt und feuerten, von ihrer (Partei-) Führung im Stich gelassen und ob der Aussichtslosigkeit des Kampfes verzweifelt, auf jeden, der sich diesen näherte. Man soll diesen Kampf der Schutzbündler nicht gering schätzen: Sie erkannten Unrecht und leisteten Widerstand. Es ist aber anzumerken, dass sie wohl nicht für die Rückkehr zum Parlamentarismus (der damals bei Links und Rechts in ganz Mitteleuropa diskreditiert war) kämpften, sondern für den „Sozialismus“, auch mit der Parole von der „Diktatur des Proletariats“. Es gehört zur tragischen Ironie der Geschichte, dass viele von den geflohenen Kämpfern ein paar Jahre später im „Mutterland des Sozialismus“, der stalinistischen Sowjetunion, ermordet wurden. Und auch, dass die Dollfuß-Verbündeten in der Heimwehr die meisten Todesopfer bei der Niederschlagung des Nazi-Aufstandes im Juli 1934 stellten, der heute fast völlig in Vergessenheit geraten ist – und doch die erste militärische Niederlage der Nazis in Europa war. Die Geschichte ist wie die Gegenwart voll von Grautönen und sollte auch so behandelt werden. Vielleicht bietet die Umgestaltung des Dollfuß-Museums in Texing eine Gelegenheit dazu.

Niklas Perzi ist Historiker und Publizist.

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