© Edgar Rodtmann

Gastkommentar
02/10/2021

Die neuen Despoten

Trumpismus ist kein alleiniges US-Problem in der Infodemie

Erleben wir mehr als 200 Jahre nach dem Beginn der modernen Demokratie in diesem Jahrhundert ihr Ende? Global wĂ€chst eine neue Form der Despotie heran: eine Regierungsform, die auf WillkĂŒr, Antiliberalismus und Furcht setzt, im globalen Verbund und mithilfe digitaler Vernetzung.

Heute glauben nur wenige EuropÀerinnen und EuropÀer und noch weniger US-Amerikanerinnen und US-Amerikaner, dass die Zukunft eine bessere Version der Gegenwart ist.

Als die Referenzgestalt des alten weißen Traums vom „großartigen Amerika“ inszenierte sich Donald Trump. Der Trumpismus wird Donald Trump ĂŒberleben. Seine Idee der „autokratischen Machtergreifung“ hat sich zuletzt am 6. Januar beim Marsch seiner AnhĂ€nger auf das Kapitol gezeigt und bleibt vor allem fĂŒr viele konservative Christen und Christinnen attraktiv, die sich als am meisten verfolgte Gruppe in den USA wĂ€hnen.

FĂŒr die neuen Despoten und ihre wĂŒtenden und hassenden AnhĂ€ngerinnen und AnhĂ€nger geht es um die Existenz ihrer IdentitĂ€t und GlaubenssĂ€tze. Damit arbeiten die meisten neuen Despoten: nostalgische Überhöhung, RealitĂ€tsverweigerung, SelbstbeweihrĂ€ucherung. Man könnte diese Strategie auch als einen Vergangenheitsfuror bezeichnen. Dabei werden kollektive, letztlich tribale Affekte genutzt und geschĂŒrt.

Vieles spricht dafĂŒr, dass die Coronapandemie zu einem Katalysator der neuen Despoten wird. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht lĂ€ngst von einer Gefahr, die nachhaltiger und ernster ist als die aktuelle Pandemie: die „Infodemie“. Staatlich gezielt eingesetzte Falschnachrichten bedrohen nicht nur die Gesundheit, sondern auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die Seuche des Despotismus ist das gefĂ€hrlichste Virus unserer Zeit. Ein Impfstoff gegen die Infodemie der Despoten sowie gegen Plattformen wie Facebook und Co. ist schwerer zu entwickeln als gegen Covid-19.

Mehr Demokratie wagen

Die Rebellion der Despoten kann nur durch eine Erneuerung der Demokratie ĂŒberwunden werden. Die Waffen gegen die Despotie heißen Demokratie und Zukunft. „Mehr direkte Demokratie wagen“ statt Angst vor dem Volk und den WĂ€hlern lautet ein Ausweg aus der Misere des westlichen Demokratiemodells. Die nĂ€chste AufklĂ€rung braucht Persönlichkeiten, die den Despoten und Verschwörungstheoretikern den Wind aus den Segeln nehmen, im Netz, auf den Straßen, in den Schulen, in den Parlamenten. Die Helden unserer Zeit sind Journalisten, Lehrer, Politiker und BĂŒrger.

Das Schöne an Demokratie ist: Jeder und jede kann dabei ein Held oder eine Heldin werden.

Daniel Dettling leitet das von ihm gegrĂŒndete deutsche Institut Zukunftspolitik. Der Text ist eine gekĂŒrzte Fassung des Beitrags im neuen „Zukunftsreport 2021“, herausgegeben von Matthias Horx.

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