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Meinung Gastkommentar
08/16/2022

Die neue alte Sprache des Hasses

Hasssprache und tödliche Gewalt stehen in Beziehung

Hassreden waren und sind unablässige Begleiter des politischen Handelns. Doch erst an globalen Wendepunkten und in Krisen, wie Pandemien und Kriege, wirkt deren gesellschaftlich zersetzendes Gift. Sobald die verbalen Distanzen – von der Vereinfachung zum Vorurteil und vom Angstbild zum Feindbild – kürzer werden, bricht das Archaische aus der Sprache. Die Gewalt der Sprache bleibt jedoch nicht in der Dimension des Textes stehen. Am Höhepunkt der Hassrede können die Grenzen des Diskursraumes zu jener Dimension hin durchbrochen werden, in der die Tat das Wort überschreitet. In einem semantisch aufgeladenen Umfeld reicht der sprichwörtliche Funke aus, um von der geistigen Brandstiftung zur Katastrophe zu gelangen.

Hassreden haben Vorbereiterfunktion. An stabilen gesellschaftlichen Strukturen prallen diese ab, doch an den verwundbarsten Stellen, an den Konfliktlinien einer Gesellschaft, verrichten sie ihr zerstörerisches Werk. Wie ein Virus nisten sie sich an jenen Bruchstellen ein, wo das niedrigste gesellschaftliche Immunitätsniveau herrscht. Dort kommt es am ehesten zum negativen qualitativen Sprung vom Wort zur Tat.

Destabilisierung ist eines der Primärziele von Hasssprache. Diese erfolgt stets nach den analogen und digitalen Regeln einer Ökonomie der Gewalt. Ein Blick auf die Sprachbedrohungen in den Social Media zeigt: ist der Shitstorm einmal entfacht, dominieren das Niedrige, das Vulgäre und das Fanatische den Diskurs. Kaum ein Rassismus erscheint zu obszön, um nicht geteilt zu werden, kaum eine Lüge zu abstrus, um nicht Eingang in einen Retweet zu finden. Große Teile der Gesellschaft laufen bereits Gefahr, der Vulgarität den verbalen Triumph zu überlassen.

Zwar richtet sich Hate Speech auch gegen das gesellschaftliche Establishment, in erster Linie praktiziert sie jedoch Ausschließung und attackiert bereits Ausgegrenzte. An solchen vulnerablen Punkten greift die Grammatik des Hasses. Verletzungen, Demütigungen und Stigmatisierungen ziehen oftmals schwere Schädigungen des Selbstverhältnisses nach sich, in drastischen Fällen sogar den Tod.

Bedauerlicherweise gedeihen Hassreden auch im Nahbereich des Politischen prächtig. Besonders vonseiten autoritärer und illiberaler Regierungen wird dem Sprachhass samt Folgewirkungen freier Lauf gelassen. Bemerkenswert ist, dass die Anhängerschaft illiberaler Politcharaktere diese dennoch immer wieder und mit teils deutlichen Mehrheiten wählt, von Budapest bis Brasilia und in absehbarer Zeit vielleicht sogar wieder Washington. Wichtig – und kaum durch anderes ersetzbar – ist daher die Vorbildfunktion aller jener Menschen, die als gesellschaftliche Multiplikatoren gegen Hassreden aufstehen. Zudem ist Vorbildwirkung, im Unterschied zu staatlicher Kontrolle und gesetzlichen Maßnahmen, kostenlos.

Paul Sailer-Wlasits ist Sprachphilosoph und Politologe.

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