© Stefan Klüter

Meinung Gastkommentar
07/21/2021

Die Impffreiheit ist nicht individuell

Die Entscheidung des Einzelnen wirkt immer unmittelbar auf den anderen

Die Stimmen aus der Kunstbranche äußersten sich impfskeptisch mit der Befürchtung der Beschädigung der körperlichen Integrität. Sie begriffen die „Impffreiheit“ als eine Freiheit, die nur jeden einzelnen etwas angehe.

Diese Argumentation wird der Komplexität des Sachverhalts nicht gerecht. Zum einen wird in der Medizin nur eine Impfempfehlung ausgesprochen, wenn der individuelle Vorteil überwiegt.

Somit ist die körperliche Integrität des Einzelnen im ethischen System des Impfens immer schon mitbedacht. Zum anderen sind die sozialen Aspekte der Impffreiheit natürlicher Teil derselben, und können nicht einfach wegrationalisiert werden. Dies wäre ein fundamentaler Denkfehler. Da wir in Gesellschaft leben, bedeutet das Impfen der eigenen Person immer gleichzeitig auch die Freiheit des anderen und das Unterlassen desselben, ohne Kontraindikation, simultan das Beschneiden der Freiheit des anderen. Ganz nach dem im deutschen Recht verankerten, und auf gesellschaftlicher Ebene gedachten kantianischen Prinzip gleicher Freiheit. Faktisch untermauern lässt sich das dadurch, dass die sich akkumulierende Viruslast eines infizierten Geimpften und das damit einhergehende Risiko einer Virusübertragung wesentlich geringer ist.

Intensivbett

Durch den nahezu 100-Prozent-Schutz vor schweren Verläufen verzichtet jeder Geimpfte im Falle eines endemischen Ausbruchs protektiv auf ein Intensivbett, beugt der Überlastung des Gesundheitssystems vor, verhindert weitere Lockdowns, lässt die Wirtschaft rascher wieder aufleben und vermindert die Wahrscheinlichkeit neuer Mutationen. Er ist Teil der Lösung der Krise weltweit!

Der Humanismus, die Menschenwürde und die mit ihr korrelierende soziale Verantwortung sind Erbe Europas, diese Gedanken sind unsere Tradition, unsere Seele. Große Herausforderungen lassen sich nur im Gemeinsamen als Menschheit bravourös bewältigen. Nicht nur diese Pandemie auch zukünftige Bedrohungen, wie die Klimakrise. Gleichzeitig mehren sich die Stress- und Depressionskrankheiten.

Möglicher wesentlicher Auslöser könnte genau das Vergessen der sozialen Verantwortung sein, welches sich in der permanenten Missinterpretation der Welt manifestiert, sich als Individuum für das Weltgeschehen als ohnmächtig und irrelevant zu erleben. Um unser Verhalten nachhaltig verändern zu können, müssen wir an der Wurzel aller Handlungen ansetzen.

Die innersten Werte. Ändere ich diese, ändert sich meine Perspektive auf die Welt, mein Empfinden der äußeren Dinge und schließlich ganz natürlich, wie von selbst, mein Handeln. Handeln nach Grundsätzen der sozialen Verantwortung trägt nicht nur zum globalen Wohlergehen bei, sondern auch zu meinem eigenen.

Es kommt zur Selbstaufwertung, indem ich mich als aktiven Akteur erlebe, dessen Handeln auf die Gesellschaft wirkt. Das macht glücklich.

Liliane Zillner ist Schauspielerin und Medizinstudentin.

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