© Kurier/Juerg Christandl

Meinung Gastkommentar
11/20/2021

„Des einen Freud, des ...“

Inflation und Nullzinspolitik gehen zulasten der Senioren

Ich bekomme täglich Briefe von Seniorinnen und Senioren, die in Sorge sind, dass ihre Ersparnisse aufgefressen werden, ohne dass sie etwas davon gehabt hätten. Dabei sollte dieses Geld doch als Notgroschen in der Pension dienen. Eine Besserung ist nicht in Sicht. Durch die Pandemie erscheint eine Anhebung des Leitzinses in nächster Zeit noch unwahrscheinlicher und damit ist auch nicht mit einer geringeren Inflation zu rechnen. Dafür erfreut sich die spekulationsmutige Jugend und investitionsfreudige Mid Ager über schnelle Aktiengewinne und Beteiligung an einer prallen Immobilienblase! Ich gönne es jedem und jeder – nicht, dass ich falsch verstanden werde!

Es war tatsächlich noch nie so leicht, günstige Kredite mit niedrigsten Zinsen zu bekommen. Gut für sie. Aber nicht gut für „die anderen“. Keine Bank gibt einer 70-jährigen Frau einen Kredit auf 20 Jahre. Mal ganz abgesehen davon, dass ein Wohnkauf in dieser Situation eher selten Sinn macht. Spekulieren am Aktienmarkt mit den „Geldreserven“? Ein absolutes No-Go, das einem jeder Vermögensberater gleich nach der Begrüßung eintrichtert. Es wäre von der Generation, die in der Pandemie gerade erst das ABC der Digitalisierung gelernt hat, auch zu viel verlangt, online mit Aktien zu handeln!

Dringender Handlungsbedarf wäre hingegen bei der Europäischen Zentralbank gefragt: Schluss mit der Null-Zins-Politik! Aber dieser Wunsch geht wohl ans Christkind! Eine noch nicht überwundene Finanzkrise und die Corona-Pandemie haben die Europäische Union, deren Mitgliedstaaten, Länder und Gemeinden gezwungen, weiter Schulden zu machen. Dank der niedrigen Zinsen kein Problem.

Aus ökonomischer Sicht macht das auch Sinn: Denn dadurch wird die Wirtschaft angekurbelt, Arbeitsplätze werden geschaffen und der Privatkonsum beflügelt. Bei diesem spielt die Generation 60+ übrigens eine wesentliche Rolle! Sie gibt in Österreich jährlich 50 Milliarden EUR aus! Und weil die Zahl dieser Gruppe immer größer wird, wird sie auch als Wirtschaftsfaktor immer wichtiger. Weltweit sind wir Seniorinnen und Senioren bereits heute die drittgrößte Wirtschaftsmacht nach den USA und China.

Ein Bild, das mir wesentlich besser gefällt als das der „klapprigen Alten“ mit dem Geldkuvert unter dem Kopfpolster. Wir haben 20 Jahre gewonnen. Sind heute fitter und lebensfroher als man uns in den Medien und in der allgemeinen gesellschaftspolitischen Diskussion darstellt. Und sind eben ein beachtlicher Wirtschaftsfaktor!

Natürlich müssen wir auch unseren Beitrag dazu leisten und offen für Neues sein. Wer hätte sich vor Corona gedacht, dass Smartphones, Tablets und Social Media so schnell in den Alltag von Seniorinnen und Senioren Eingang finden. Denn eines ist klar: Das schlechteste Investment ist, nichts zu tun.

Ingrid Korosec ist Präsidentin des Österreichischen Seniorenrates.

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