Meinung | Fußball-WM
01.07.2018

Was der Fußball so alles aus den Menschen macht

"Tribüne": Selbst in Nahaufnahme hat man das Gefühl, das war’s. Der Arme wird nicht mehr aufstehen.

Die WM wird dramatischer. Damit meine ich auch, aber nicht in erster Linie, das Aus der Deutschen, sondern z.B. auch das von Senegal wegen zu vieler Gelber Karten. Oder die Schmerzopern von Neymar. Wobei: Damit ist er nicht alleine.

Ich muss den Spielern diesbezüglich Hochachtung zollen. Selbst in Nahaufnahme hat man das Gefühl, das war’s. Der Arme wird nicht mehr aufstehen. Oh Gott, was müssen das für Schmerzen sein! Und fünf Sekunden später – schwupps – alles wieder gut. Des derspüst als Laie net. Dazu muss man Künstler sein. Chapeau!

Jetzt weiß man ja aus der Forschung, dass während des Spieles jede Menge Testosteron den Körper flutet. Bei Torhütern angeblich sogar noch mehr, denn sie beackern nicht verschiedene Räume auf dem Platz, sondern beschützen ganz konkret und allein ihr Haus.

Wenn man sich nun aber die Ausgangslage vorstellt: Durchtrainierte, gerade eben erst die Nationalhymne geschmettert habende (bis auf die Spanier, die haben keinen Text, die summen nur), kampfbereite Gladiatoren der Neuzeit provozieren den Gegner, unterschreiten permanent seine Distanzzone und versuchen sogar, ihn mittels versteckter Fouls zu schwächen – und TROTZDEM artet es nie aus. Ich sage bewusst Profifußballer, denn ich kenne es auch anders.

Ich spiele bei einer begnadeten Hobbymannschaft namens FC Wojtyla. Es handelt sich durch die Bank um wahre Gentlemen. Höflich, geistreich, tolerant und humorvoll unterhalten wir uns beim Umziehen über die Dinge des Lebens. Aktuell über die Frage, ob denn der Fußball generell an seine evolutionären Grenzen gestoßen sei. Bei der WM seien die Unterschiede zwischen den „großen“ und den „kleinen“ Mannschaften mit bloßem Auge ja gar nicht mehr zu erkennen etc. Kurz vor unserem Kickerl tauschen wir noch Höflichkeiten aus: „Wow, gut schaust’ aus, voll in Form. Wie der Ronaldo.“ – „Der Portugiese?“ – „Na, der aus Brasilien.“ Und dann geschieht Wunderliches: Mit dem Überschreiten der weißen Linie vollzieht sich eine Verwandlung bei jedem Einzelnen, gegen die jene von Dr. Jekyll zu Mr. Hyde ein Windchen einer Lerche ist. Blutunterlaufene Augen in einem hochroten Gesicht starren einen anlässlich eines suboptimalen Zuspieles hasserfüllt an.

Liebevolle Anweisungen

Gerade noch beste Freunde, wünschen sie sich die Pest an den Hals, von dem abwärts der Haarwuchs – ich schwöre! – werwolfartige Gestrüppe auf Rücken und Brust bildet. Und dazu werden aus den schaumumkränzten Mündern hilfreiche Anweisungen wie „Oida, heast“, „Auf wos woatest“ oder das zugegeben nicht aus der Seele eines enttäuschten Junggesellen stammende „I woa frei, du Trottel“ geschrien, als ob es kein Morgen gebe. Dabei geht’s bei uns um genau nichts. Also um alles. Aber wir sind eben keine Künstler.

Apropos: Wieso lassen beinahe alle Kicker ihre Unterarme tätowieren? Aus meiner Jugend kenne ich Tattoos ganz anders. Ein Schwert, eine Schlange drumherum, ein rotes Herz, Mutti. Fertig. Aber das war’s. Heute sieht man wahre Kunstwerke, die zu entschlüsseln man länger als 90 Minuten bräuchte. Dienen diese Ornamente längst nicht mehr der Einschüchterung des Gegners? Geht’s da einfach nur darum, wer das schönste Tattoo hat?

Gregor Seberg ist österreichischer Schauspieler und Kabarettist.

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