Meinung | Fußball-WM
18.06.2018

Ausgefuchst: Die Erwartungen in England sind sehr hoch

England hat die stärkste Liga. Aber das Nationalteam ist nicht Titelfavorit.

Vor zwei Jahren sind wir zur EM gefahren, um dort unsere Leistungen aus der erfolgreichen Qualifikation zu wiederholen und zu bestätigen. Wäre uns das gelungen, wären wir ins Achtelfinale gekommen. So aber sind wir nach dem dritten Spiel heimgefahren, nach einer Niederlage gegen Island. Das tat richtig weh. Aber wie weh muss es erst den Engländern getan haben, als sie im Achtelfinale gegen Island ausgeschieden sind?

Waren doch schon die Erwartungen der österreichischen Fans an uns fast unerfüllbar. Und dann erst die englischen Fans. Im Mutterland des Fußballs erwartet man, dass die Nationalmannschaft immer um den Titel mitspielen kann.

Aber die Realität schaut anders aus. Seit dem Titel bei der Heim-WM 1966 hat England bei keiner WM mehr das Semifinale erreicht. Vor vier Jahren gab es gar das erste Vorrunden-Aus nach 56 Jahren. Und in der jüngeren EM-Geschichte kam man nur beim Heim-Turnier 1996 ins Semifinale.

Eines traue ich mich zu sagen: Die Premier League ist die stärkste Liga der Welt. Das habe ich in den letzten drei Jahren in Leicester miterlebt. Spiel für Spiel bist du gegen die besten Spieler der Welt gefordert. Und die Fans danken dir deinen Einsatz mit großartigem Support. Was in Leicester nach dem Titel 2016 abgegangen ist, nach einer der größten Sensationen der englischen Fußballgeschichte, war einzigartig und wirklich großartig.

Talente müssen spielen

Aber das viele Geld aus Fernsehen, Vermarktung und Sponsoren lässt auch viele Klubs die Geduld verlieren. Sie kaufen ausländische Stars, und viele englische Talente können nicht spielen. Ich habe aber den Eindruck, dass das in der jüngeren Vergangenheit besser geworden ist, weshalb ich auch das Nationalteam höher einschätze als in der Vergangenheit.

Jamie Vardy und Harry Maguire, meinen Teamkollegen bei Leicester, traue ich eine wichtige Rolle in Russland zu. Jamie ist ein Haberer, seit ich hier angekommen bin. Er hat sich mit seinen sensationellen Leistungen in der Meistersaison ins Team gespielt. Und er hat sich dort gehalten. Er bringt seine Leistungen konstant und macht auch seine Tore. In der Meisterschaft waren es heuer wieder 20, damit waren nur Agüero, Kane und Salah besser. Jamie hat einen mörderischen Torriecher und ein Irrsinnstempo. Das macht ihn so wichtig für jede Mannschaft.

Harry Maguire ist diesen Sommer zu uns gekommen und ein extrem starker Innenverteidiger. Nicht nur körperlich, er hat einen Oberschenkel, der ist so dick wie meine beiden zusammen. Harry ist für die Philosophie von Teamchef Gareth Southgate wichtig. Der setzt auf eine Dreierkette mit Verteidigern, die den Ball schleppen und das Spiel gut eröffnen können. Und das kann Harry. Wahrscheinlich ist er so ballsicher, weil er lange im Mittelfeld gespielt hat.

Einen wichtigen Anteil daran, dass England zuletzt so wenig verloren hat, hat auch Gareth Southgate. Nicht nur meine zwei Mitspieler sind zufrieden, wie er spielen lässt und wie er mit seinen Spielern umgeht. Ich hoffe doch, dass sie diesmal kein Island-Schicksal erleiden.

Christian Fuchs (32) war Teamkapitän und hat im Sommer 2016 nach 78 Spielen seine Teamkarriere beendet