Meinung
05.03.2017

Fasten für die Augen

Die Fastenzeit ist die beste Möglichkeit, sich von manch schlechter Gewohnheit zu trennen. Aber in dieser Vorbereitungszeit auf das Osterfest ist noch mehr drin.

Fasten soll immer dazu führen, dass ich den Nächsten in seinen Nöten nicht übersehe

Toni Faber | über das Fasten

Die Lichtkünstlerin Victoria Coeln hat nach langer Vorbereitung ihr neues Werk "Verhüllungen" im Stephansdom verwirklicht. Normalerweise verhüllt ein schlichtes violettes Fastentuch in dieser Zeit den Hochaltar. Heuer spannt sich eine weiße Leinwand vor dem Altar, wo sich in einer intermedialen Installation schwarze und weiße Lichtstreifen in Kreuzform langsam, aber ständig verändern. Gemeinsam mit Susanne Lyner konzipiert, entwickelt sich vor dem Betrachter ein ständig neu konfiguriertes Kreuz, das sowohl verhüllt als auch enthüllt. Es wirkt als Einladung für die Augen, ein wenig zu verweilen und dem Urgrund des Kreuzes auf die Spur zu kommen. Erst in 81,5 Jahren – der derzeit durchschnittlichen Lebenserwartung eines Mitteleuropäers – sollte sich das aus drei Videos übereinander projizierte Bild wiederholen. Meditativ meine bisherige Lebenszeit Revue passieren lassen und die noch vor mir liegende Zeitspanne gut und sinnvoll zu nützen, das ist die Botschaft der mehrteiligen Installation.

Rettungsdecken

Wenn wir unseren Blick im Dom über unsere Köpfe richten, sind neben den Altären und Fenstern in fast 10 Meter Höhe drapierte Heiligenfiguren zu sehen. 108 sind es insgesamt, 37 ausgewählte davon sind in Rettungsdecken gehüllt. Gesichter und Attribute dieser gotischen Säulenheiligen bleiben frei, zum scheinbaren Schutz vor Kälte beziehungsweise Wärme haben sie die gold- beziehungsweise silberfarbigen Rettungsdecken fest über ihre Schultern gezogen. Ausgewählt wurden heilige Frauen und Männer, die ihre Herkunft fast alle in den Ländern des Nahen Ostens haben, also nicht innerhalb der Grenzen unserer heutigen EU.

Wir alle kennen ähnliche Bilder von geretteten Bootsflüchtlingen, die solche Rettungsdecken als erste Hilfe erhalten haben, um zumindest die nächste Zeit nicht mehr frieren zu müssen, wenn sie dem drohenden Tod in ihren fragilen Booten entkommen konnten.

Und jeder von uns kann bei einem Unfall in die Situation kommen, einer solchen Rettungsdecke zu bedürfen, um im Schock einer Verletzung nicht unterkühlt zu werden.

Fasten soll immer dazu führen, dass ich den Nächsten in seinen Nöten nicht übersehe, sondern in großer Freiheit zur liebenden Tat schreite. Daher ist es gut, wenn immer wieder von neuem unsere Sinne dafür geschärft werden, den Blick auf unsere Mitmenschen zu richten.

Der Autor ist Dompfarrer zu St. Stephan. dompfarrer@stephansdom.at