Meinung
30.06.2018

Eltern, lasst los! Politik, gib Gas!

Das Dilemma ist offensichtlich: Arbeitende Menschen haben fünf Wochen Urlaub pro Jahr. Schulkinder neun Wochen Sommerferien.

Das Dilemma ist offensichtlich: Arbeitende Menschen haben fünf Wochen Urlaub pro Jahr. Schulkinder neun Wochen Sommerferien. Dummerweise sind die einen die Eltern der anderen.

Man kann sich diesem Dilemma von mehreren Seiten nähern, eine davon ist die pädagogische: Wir haben unseren Kindern die Selbstständigkeit abgewöhnt und jetzt zahlen wir den Preis. Einst gingen Fünfjährige alleine vom Kindergarten nach Hause (auf alten Formularen ist noch ein „Selbstgeher“-Kasterl zum Ankreuzen) – waaaas?

Erstklassler verbrachten Ferienwochen bei Oma, bei Super-Palatschinken, aber ohne Dauerausflugsprogramm – wiiiiiie?

Zehnjährige beschäftigten sich still ein paar Stunden im Eck des mütterlichen Frisiersalons wurde ihnen fad, fuhren sie alleine mit der Bim heim – pfoooooa.

Die zweite Seite ist die abhanden gekommene Geselligkeit, früher hatten Eltern Elternfreunde, heute haben sie Bekannte. Bekannte nehmen das eigene Kind leider nicht als Wochengast zu Hause auf oder auf Urlaub mit. Ähnliches gilt für Ferienlager, Sammelgruppen oder Sportkurse: „Papa, ich kenn’ dort niemanden.“ „Mama, dort sind alle blöd.“ Man kann im Sommer nicht ernten, was man übers Jahr nicht sät.

Schlussendlich dreht sich das Dilemma aber um eine Frage: Muss eine Gesellschaft, die sich zum Kapitalismus bekennt, nicht dafür sorgen, dass er blühen kann? Sollte man nicht den vielen willigen Arbeitnehmern Möglichkeiten geben, ihre Kinder im Sommer zu parken? Die wollen gar nicht so viel urlauben, die wollen arbeiten, sogar zwölf Stunden am Tag, das kann man ihnen doch nicht dadurch verunmöglichen, dass sie die Ferienaufsicht für ihre Kinder geben müssen. Die meisten Kindergärten, vor allem öffentliche, verstehen das und haben (fast) Ganzjahresbetrieb. Überraschenderweise können aber auch Über-Sechsjährige den Ferienalltag nicht autonom organisieren.

„Mehr Leistung“ rufen, aber zu wenig Kinderbetreuung anbieten, das ist das wahre Dilemma. Vielleicht gehen kapitalistisch und konservativ gar nicht so gut zusammen.