© Kurier/Jeff Mangione

Gastkommentar
06/29/2020

Einspruch für die Hagia Sophia

Warum die geplante Umwandlung des Weltkulturerbes in eine Moschee ein Sieg der Regierung gegen die säkulare Republik sein soll

Reaktionäre Kräfte in der Türkei fordern seit Jahren, dass die Hagia Sophia, welche heutzutage als Museum dient, wieder in eine Moschee umgewandelt wird.

In der Türkei wird immer wieder ein Pseudoproblem im Bezug auf die Hagia Sophia erschaffen. Aktuell wird nach einem erneuten Umwidmungsaufruf vom obersten Verwaltungsgerichtshof „Danistay“ am 2. Juli eine Entscheidung erwartet.

Bereits vor mehr als zehn Jahren wurde Atatürks Umwandlung vom obersten Verwaltungsgerichtshof verbindlich bestätigt, warum soll diese Entscheidung jetzt rückgängig gemacht werden?

Kein normaler, durchschnittlicher türkischer Staatsbürger, kurz: die Mehrheit, will so eine Umwandlung. Die Hagia Sophia soll als Museum erhalten bleiben, das mit universellen Konservierungs- und Restaurierungspraktiken alle kulturellen Relikte erhält.

Jährlich Hunderttausende

1935 wurde sie unter Mustafa Kemal Atatürk, dem Gründer der säkularen Republik Türkei, zu einem Museum („Ayasofya Müzesi“) umfunktioniert, das jährlich Hunderttausende Besucher anzieht.

Das zeigt auch die Toleranz und Großzügigkeit Atatürks und des türkischen Volkes. Wir sind stolz darauf, mit der Hagia Sophia eine christlich-orthodoxe und islamische Vergangenheit zu haben.

Nicht die Türken haben Byzanz und Hagia Sophia im Jahre 1204 während des 4. Kreuzzugs vorsätzlich zerstört und geplündert, sondern die Venezianer und Franken. Die Hagia Sophia ist Kirche, Moschee und Museum zugleich und sie gehört der gesamten Menschheit.

Die UNESCO hat die Hagia Sophia sogar als Weltkulturerbe anerkannt. Der Name „Hagia Sophia“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Heilige Weisheit“. Bei dem Bauwerk handelt es sich um eine im sechsten Jahrhundert erbaute Kirche, 900 Jahre lang die größte Kirche der Welt, welche nach der Eroberung Konstantinopels, heute Istanbul, im Jahr 1453 durch die Osmanen in eine Moschee umgewandelt worden ist.

Utopisches Ziel

Unter Staatsführer Atatürk wurde sie 1935 als Moschee profaniert und zu einem Kirchen-Moscheen-Museum umgewandelt. Das utopische Ziel jener, die die Verwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee vertreten, ist es, sich über die intakte Republik und ihr säkulares Staatsverständnis hinwegzusetzen.

Für die reaktionären Kräfte in der Türkei gilt zuerst die Symbolwirkung, die von dem monumentalen Gebetsgebäude ausgeht. Sie wollen einen „Sieg“ gegen die „säkulare“ Republik Türkei erringen, indem ein bedeutendes Museum zu einer Moschee transformiert wird.

Wir, die Türkische Kulturgemeinde in Österreich (TKG) sind eine Think Tank NGO, welche sich dazu verpflichtet fühlt, den pluralistischen, freiheitlichen, demokratischen und rechtsstaatlichen Prinzipien zu folgen.

Wir wünschen uns „Friede daheim, Friede in der Welt“ und, dass die Türkei mit diesen wichtigen Worten den eigentlichen Grundstein der modernen Türkei wiederfindet, ohne die Gesellschaft im In- und Ausland zu spalten.

Birol Kilic ist Publizist, Unternehmer sowie der Obmann der Türkischen  Kulturgemeinde in Österreich.