Very Angry Office Worker

© Getty Images / VasjaKoman/istockphoto

Leitartikel
03/03/2021

Eine Abregung: Warum die Gereiztheit den Blick auf das Wesentliche verstellt

Der Blutdruck der Debatten steigt auf ein gefährliches Niveau. Dabei sollte sich die Politik um die wichtigen Fragen kümmern

von Richard Grasl

Alles ist derzeit ein Skandal!

Eine Mallorca-Finca einer Unterstützerin von Sebastian Kurz, wo er aber offenbar gar nicht war – da muss Korruption im Spiel sein. Die Sekretärin des Kanzlers ist Schwägerin eines Palmers-Teilhabers – und schon ist die vermutlich betrügerische Umwandlung billiger chinesischer in teure österreichische Masken ein Politaufreger. Ein Sponsoring eines Sportvereins ist natürlich keine Marketingmaßnahme, sondern Korruption – denn wo Novomatic draufsteht, muss Pfui drinnen sein.

Im Buch des Medienwissenschafters Bernhard Pörksen „Die große Gereiztheit“ steht: „Wir sind gereizt, weil wir nicht mehr sicher wissen können, was eigentlich stimmt, und wer Daten und Dokumente aus welchen Gründen und mit welchen Absichten manipuliert.“ Jetzt steuert das Spiel auf den Höhepunkt zu. Da wird angezeigt, denunziert und verschworen, was das Zeug hält, sodass sogar der Bundespräsident die Unschuldsvermutung einfordert. Wenn dann in vielen Jahren von der Justiz alles geklärt ist, liegen die Beteiligten längst am Schlachtfeld, egal ob schuldig oder nicht. Dann hilft auch kein „So sind wir nicht“ des Staatsoberhaupts (das wiederum selbst nach gereizter FPÖ-Lesart Part of the Game des Ibiza-Skandals war).

Nur zur Klarstellung: Der Maskenskandal könnte – wenn die Vorwürfe stimmen – ein riesiger Wirtschaftskrimi werden. Bei öffentlichen Aufträgen muss es maximale Transparenz geben, verwandtschaftliche Verhältnisse gehören nicht in die Bestbieter-Bewertung. Und Parteispenden gegen konkrete Gesetze oder Vorteile sind Korruption und strafbar. Wir versuchen, hier die Fragen unaufgeregt und objektiv zu beleuchten. (Und wenn auch uns mal ein Fehler passiert, werden auch wir in die sich drehende Skandal-Spirale hineingestoßen, denn mittlerweile gehen hierzulande Journalisten auf Journalisten los.)

Doch die aufgeregten Debatten verstellen den Blick auf die wichtigen Dinge. Wenn der Kanzler Journalisten zum Hintergrundgespräch bittet, erwarten wir uns eine neue Strategie für mehr Impfstoff oder wie man eine Pleitewelle verhindert. Stattdessen beklagt sich der Regierungschef über einen sich Chefredakteur nennenden Parteigänger einer politischen Internet-Plattform, der ihn beim Staatsanwalt anzünden wollte. Wir brauchen Fortschritte in der Digitalisierung, eine Perspektive für Junge, die Lösung des Pflegeproblems – und nicht weniger als die Rettung unseres Planeten. Doch die Politik beschäftigt sich mit jahrealten SMS oder Gästelisten einer spanischen Finca. Bernhard Pörksen schreibt: „Wenn die Menschen Situationen als real definieren, sind auch deren Folgen real.“ Reden wir daher wieder mehr über die Chancen und das Notwendige. Und das mit der gleichen Leidenschaft wie über die Skandale – die erst welche sind, wenn sie bewiesen sind. Dass wir das nicht mehr tun, ist nämlich der eigentliche Skandal.

 

Feedback an: richard.grasl@kurier.at

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