Meinung
10.09.2018

Ein Plädoyer für die alljährliche Zeitumstellung

Ein Gastkommentar von Univ.-Prof. Georg Steinhauser.

In der Diskussion über die Zeitumstellung wird die Aufklärung darüber schmerzlich vermisst, was deren Abschaffung eigentlich bedeutet.

Klar ist, dass die von der österreichischen Regierung geplante dauerhafte Umstellung auf Sommerzeit die Abende auch im Winter heller machen wird, die Morgen allerdings dunkler. Nehmen wir an, dass unsere Kinder um 7.30 Uhr das Haus verlassen und bis 8 Uhr in die Schule unterwegs sind. Mit der derzeitigen Zeitumstellung absolvieren sie (am Beispiel Wiens) von 6. Dezember bis 27. Jänner (52 Tage) zumindest einen Teil ihres Schulwegs vor Sonnenaufgang. Bei dauerhafter Sommerzeit erhöht sich dieses „Zeitfenster der Dunkelheit“ auf 130 Tage von 25. Oktober bis 4. März. Weiter westlich fällt der (relative) Unterschied nicht ganz so dramatisch aus, weil hier die Sommerzeit bereits gegenwärtig in die dunkle Jahreszeit ragt. In Salzburg wird künftig Dunkelheit den Schulweg von 17. Oktober bis 11. März prägen, das sind 145 statt 81 Tage. In Bregenz erhöht sich diese Zahl gar auf 160 „dunkle“ Tage, also mehr als fünf Monate.

Uhr und Biorhythmus

Von Gegnern der Zeitumstellung wird häufig argumentiert, dass der alljährliche Mini-Jet-Lag zu gesundheitlichen Problemen führe. Unbestritten ist, dass uns Europäern seit Jahrzehnten unser Leben von der Uhrzeit und nicht mehr vom natürlichen Rhythmus der auf- oder untergehenden Sonne diktiert wird. Die Einführung der Zeitumstellung im Jahr 1973 mag die (unerfüllte) Hoffnung der Energieersparnis gehabt haben. Was sie allerdings unbeabsichtigt ebenso bewirkte, war, unseren von der Uhrzeit diktierten Tagesbeginn einigermaßen in Gleichklang mit unserer natürlichen Uhr – also dem Aufgehen der Sonne – zu schalten. Unser Tag begann, so gut das mit einer einfachen Zeitumstellung möglich war, halbwegs gemeinsam mit der aufgehenden Sonne.

Angenommen, unser Wecker läutet irgendwann zwischen 6.30 und 7.30 Uhr, so fand in diesem Zeitfenster bisher an 119 Tagen im Jahr auch der Sonnenaufgang statt. Das Szenario „Sommerzeit für immer“ wird uns diesem Biorhythmus ein Stück weiter entfremden: wir werden nur noch an 72 Tagen einen Sonnenaufgang in diesem für uns angenehmen Zeitfenster erleben. Ob diese unnatürliche Lebensweise mit winterlichen 8-Uhr-Terminen, die in stockdunkler Nacht (eine Stunde vor Sonnenaufgang) stattfinden werden, der Vermeidung von Erschöpfungszuständen zuträglich ist, darf bezweifelt werden.

MEZ in Gefahr

Das Ende der Zeitumstellung hat auch eine europäische Komponente. Derzeit sind wir mit einer mitteleuropäischen Zeitzone von Polen bis Spanien gesegnet. Entscheidet sich Mitteleuropa einheitlich für dauerhafte Sommerzeit, hieße dies für Paris, dass dort im Winter die Sonne um 9.44 Uhr, in Nordspanien gar erst um 10.07 Uhr aufginge. Es wäre nur zu verständlich, entschieden sich Frankreich und Spanien folglich für die dauerhafte Winterzeit. Das europäische Experiment in direkter Demokratie würde letzten Endes einen unnötigen Keil in die Mitte des Kontinents treiben.

Klar ist, dass kein Uhrzeitmodell ohne Nachteile auskommt. Verständlicherweise sind wir davon genervt, im März eine Stunde Schlaf zu verlieren. Die Zeitumstellung mag uns einmal im Jahr lästig gefallen sein, aber sie vereinte alle Vorteile, die man sich von „seiner Uhrzeit“ wünschen kann.

(Daten aus http://www.zamg.ac.at und http://sunrise-and-sunset.com.)

Univ.-Prof. Georg Steinhauser, Österreicher an der Leibniz Universität Hannover, Fakultät für Mathematik und Physik.