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Meinung
11/16/2019

Ein paar Klicks können Existenzen zerstören

Das Internet hat uns konditioniert, vorschnell zu bewerten und zu beurteilen. Die Konsequenzen zeigt es uns nicht.

von Christoph Schwarz

Jetzt also die Lehrer. Mit einer neuen App sollen sie online bewertet werden können – von ihren Schülern, deren Eltern oder von wem auch sonst immer. Das Internet nimmt es da üblicherweise nicht so genau. Die App wird regen Zulauf verzeichnen, diese Prognose lässt sich jetzt schon wagen. Denn sie befriedigt eines unserer Grundbedürfnisse im Netz – jenes nach ein klein bisschen (All-)Macht.

Die sozialen Medien und unzählige Bewertungs-Apps haben uns darauf konditioniert, zu liken, zu herzerln, zu sternderln und zu swipen. Hier können wir bewerten, beurteilen und richten. Jeder Einzelne ein kleiner Cäsar, der in der (digitalen) Arena mit einem Daumenzeig über Gedeih und Verderb entscheidet. Wir sind dabei unhinterfragbar. Dafür sorgt nicht zuletzt die Anonymität im Netz. Sie bringt nicht unbedingt das Beste im Menschen hervor.

Tatsächlich sind die Lehrer nur das nächste Glied in einer langen Kette – doch ihr Fall zeigt, dass das Phänomen langsam, aber sicher in der Mitte unserer Gesellschaft ankommt: Den Uber-Fahrer zu bewerten (war er ein bisschen zu langsam – oder zu unfreundlich?), dabei fühlten wir uns noch gut. Auch nach dem Lokal-Besuch (das Schnitzel zu trocken!) war der hämische Kommentar rasch ins Handy getippt. Als Nächstes kamen die Ärzte (die sind schon angesehener – darf man denn das?). Und jetzt also die Lehrer. Langsam schleicht sich die Angst ein, dass wir selbst die Nächsten sein könnten.

Beliebig, launisch – und manchmal fake

Während wir so freigiebig kommentieren und abqualifizieren, vergessen wir zunehmend, dass da am anderen Ende echte, ganz reale Menschen stehen. Und dass unsere Bewertungen ebenso reale Auswirkungen haben. Auf den Uber-Fahrer, der nach schlechten Bewertungen weniger Aufträge erhält. Auf das Lokal, in dem die Gäste ausbleiben. Ihren schlechten digitalen Ruf werden die Betroffenen kaum wieder los. Das Internet vergisst nicht. Im schlimmsten Fall zerstört das Existenzen.

Gut so, könnte man nun einwenden. Nie war der Konsument so mündig und mächtig wie heute. Leider stimmt das nicht. Die Bewertungen sind subjektiv im schlechtesten Sinne des Wortes – oft beliebig, aus einer Laune heraus, und manchmal übrigens auch gar nicht echt. (Apropos: Wieso vertrauen wir eigentlich im Internet einer Horde Wildfremder, auf deren Urteil wir im echten Leben nie bauen würden?)

Klingt nach Kulturpessimismus? Soll sein. Der Trend wäre übrigens nicht unumkehrbar. Wer sich traut, könnte auf eine Errungenschaft der Vor-Internet-Ära zurückgreifen, falls das Schnitzel tatsächlich mal zu trocken oder der Taxifahrer zu unfreundlich war: das direkte Gespräch. Dafür bräuchte es nur ein bisschen Mut.