über den letzten Kinderarzt von Aleppo
05/01/2016

Ein Bild von einem Mann

von Doris Knecht

Seine Familie, die in der Türkei auf ihn wartete, wird ihn nicht wiedersehen.

Doris Knecht | über den letzten Kinderarzt von Aleppo

Man hat natürlich gehört von diesem Bombardement, im Radio. Man hört darüber in den Nachrichten, in der Früh in der Küche, während man den Kindern Jausenbrote schmiert, Tee aufbrüht, sich ein Müsli zusammenrührt, Sachen, die man eben macht, wenn man sicher und in relativem Wohlstand in einem friedlichen, wohlhabenden Land lebt.

Während man Butter auf die Brote schmiert, hört man Nachrichten von Angriffen in Syrien, von Zerstörungen, von vielen Toten. Aber man hört das jeden Tag. Man kann das nicht so nahe an sich herankommen lassen, weil: Was soll man schon tun? Und man vergisst es wieder, während man die Küche aufräumt und sich an die Arbeit macht.

Später an diesem Tag sieht man auf der Facebook-Seite von Karim El-Gawhary ein Foto. Es ist ein Bild von einem Mann, der sich über einen Säugling beugt. Seine Hand liegt auf dem Bauch des Säuglings, der Mann blickt sehr ernst. Er sieht aus, als sei er so Anfang oder Mitte vierzig, er hat einen grünen Krankenhaus-Kittel an. Sein Bart ist sorgfältig gestutzt. Wahrscheinlich hat er sich auch am Mittwoch in der Früh rasiert, bevor er seinen Dienst als Kinderarzt im Krankenhaus antrat, am Abend ging er nicht mehr nach Hause. Seine Familie, die in der Türkei auf ihn wartete, wird ihn nicht wiedersehen, weil er in der Nacht auf Donnerstag im Krankenhaus bei einem Luftangriff getötet wurde, mit ihm 27 weitere Menschen: Angestellte des Krankenhauses, Patienten, auch Kinder. Der Arzt hieß Muhammad Waseem Maaz: Er ist im Dienst gestorben, weil er in Aleppo blieb, um denen zu helfen, die nicht wegwollen oder nicht wegkönnen. Er ist jetzt tot. Die Süddeutsche Zeitung schreibt, er sei der letzte Kinderarzt in Aleppo gewesen, es gibt dort jetzt keinen mehr.

Man liest das. Und man überlegt, ob man mit der eigenen Familie an so einem Ort bleiben würde. Oder ob man nicht versuchen würde, an einen besseren Ort zu kommen: wo man in Frieden leben kann und in Sicherheit und Brote für die Kinder schmieren, ohne Angst.

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