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Meinung
12/08/2019

Echte und eingebildete Ungerechtigkeiten

Die Österreicher beschreiben sich selbst als zufrieden – Neid und Klagen über die nicht gerechte Welt gehört zum Genom.

von Andreas Schwarz

Eigentlich geht es uns gut, wir sind überwiegend sehr zufrieden – aber die Welt rundum ist ungerecht. Das ist der Sukkus einer großen Wertestudie, die den Österreicher zudem als jemanden abbildet, dem Freiheit, Familie und der respektvolle Umgang miteinander wichtig sind. Insgesamt ein schönes Bild, das es in der Tat gut trifft: Die Freiheit ist da, die Familie ist nicht nur in rauen Zeiten ein Anker, und um Respekt bemühen wir uns, gelegentlich.

Vor allem aber: Noch nie war der Wohlstand so breit verteilt und so hoch wie heute, man schaue nur auf Wohnflächen, Urlaubsziele, Autogrößen im Vergleich zu vor zwanzig, dreißig, vierzig Jahren – bei allem Klagen über Krisen und Preise, bei aller Einschränkung selbstverständlich, dass vom Wohlstand nicht alle profitieren. Trotzdem ist nicht nur bei Nichtprofiteuren das Gefühl verbreitet: ungerecht die Chancenverteilung, die Wohlstandsverteilung, die Glücksverteilung, da ginge noch mehr.

Dabei: „Die Welt ist ungerecht“, wem ist dieser Satz noch nicht entfahren? Hunger da und Überfluss dort; eine große Nation und eine Karikatur von Präsident; falsche Sieger beim Sportturnier; Krankheit, Naturkatastrophe – aber diese Ungerechtigkeit ist meist nicht gemeint.

Mit dem Finger zeigen

Die andere Ungerechtigkeit indes, die auf sich bezogene, hat ganze politische Kulturen geprägt/ermöglicht. Der Sozialismus und die Sozialdemokratie haben jahrzehntelang gut davon gelebt, dass einige viel haben und viele bei Weitem nicht so viel, mit dem Versprechen, das zu ändern. Der Kommunismus hat von vornherein darauf gebaut, dass alle wenig hatten, bis die drauf kamen, dass die Menschen anderswo viel und die eigenen Bonzen besonders viel haben.

Und die Populisten, die Freiheitlichen in Österreich zumal, haben über drei Jahrzehnte mit Taferln und Fingern auf die anderen, auf die angeblichen Nehmer in der Gesellschaft gezeigt, haben skrupellos Neid geschürt – und sind mehrfach allzu gierig in den eigenen Zeigefinger gelaufen.

Das subjektive Ungerechtigkeitsempfinden blickt, wie gesagt, selten zu den anderen Benachteiligten, sondern beklagt die eigene Übervorteilung. Das war schon immer so – in „Der ganz normale Wahnsinn“ (TV-Serie der 1970er) schreibt der Lebenschaot Maximilian Glanz an dem Buch „Woran es liegt, dass der Einzelne sich nicht wohlfühlt, obwohl es uns allen so gut geht“. Heute ist das nicht anders.

Das hat viel damit zu tun, dass der Mensch das Glück, etwas zu haben, als weniger gewichtig empfindet als die Angst vor dem drohenden Unglück, es zu verlieren. Von dieser klassischen Verlustangst leben die Angst schürenden Populisten dieser Welt, in der es viel zu verlieren gibt.

Auch das wär’ eine zu beklagende (politische) Ungerechtigkeit, wo es uns doch eigentlich gut geht.

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