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Leitartikel
11/12/2021

Die Welt ist anders

Putin, Lukaschenko, Xi Jinping: Humanistisches Ethos war nie dort zu Hause, wo der Westen es gerne hinpflanzen würde

von Andreas Schwarz

Die Welt ist schlecht. Man greift ja nicht gern auf die platteste aller politischen Analysen zurück, aber beim Blick rundum ...

Am Ostrand Europas karrt ein Westentaschen-Diktator Zigtausende Flüchtlinge an die Grenze, auf dass sie die EU fluten und in Angst und Schrecken versetzen.

In Moskau sitzt ein Zar mit Geheimdienst-Vergangenheit, der sich nimmt, was er mag (Krim), cyber-stört, wo er kann (Europa, USA) und sich ins freie Fäustchen lacht (das andere ruht am Gashahn).

Weiter im Osten, wo man ungeniert das Todesvirus in die Welt flattern ließ, lässt sich ein neuer Mao feiern, als Voraushuldigung für die Eroberung der Weltherrschaft. Bis dahin wird die Welt wirtschaftlich wechselweise eingekauft und ausgehungert.

In Arabien und Nordafrika ist vom einstigen „Frühling“ kein Lüfterl übrig, Ägypten ist mehr Diktatur als unter Pharao Mubarak, Allah sei ihm gnädig, und in Syrien sitzt ein gewisser Herr Assad so fest im Sattel wie nie – Bürgerkrieg mit 400.000 Toten und 12 Millionen Flüchtlingen, war da was?

Der Westen reagiert auf all das mit einer Mischung aus zahnloser Empörung und Ohnmacht, schafft es aber in dieser noch, den Zeigefinger zu recken: Moral, Menschenwürde, Mitbestimmung, kurzum humanistisches Ethos dürfe im 21. Jahrhundert, notabene, nicht mit Füßen getreten werden.

Der Denkfehler dabei: Dieses Ethos war nie dort zu Hause, wo es der Westen gerne hinpflanzen würde. Nicht im russischen Einflussbereich, der nur blutige Zarenherrschaft und kommunistische Diktatur kannte; nicht im Reich der Mitte, für das seit jeher das Individuum daheim und die Gemeinschaft der Individuen in der Welt draußen nicht zählen, sondern nur das unterdrückte Kollektiv; und nicht im Orient, wo Stammestümer und der mittelalterliche Koran über allem stehen und die Aufklärung Jahrhunderte Verspätung hat.

Verallgemeinert? Gewiss. Aber die Welt ist aus Sicht der meisten ihrer Führer dort nicht schlecht, sondern allenfalls anders. Ihre Welt eben, die immer so gelebte. Wehe dem, der da hineinzuspucken wagt.

Eine Änderung aus unserer aufgeklärten Sicht ist erstrebenswert. Aber mit der Attitüde der moralischen Überlegenheit kaum möglich. 1989 hat es durch Druck (militärisch, Reagan) und Mobilisierung der Menschen beim Fall des Kommunismus funktioniert. In Südafrika haben Sanktionen und ein Druck der Massen die Apartheid weggefegt (heute ist sie samt Sumpf und Korruption de facto immer noch da).

Blaupausen für eine Demokratisierung der Welt gibt es nicht. Humanisierungs-Gewaltakte, siehe Afghanistan oder Irak, scheitern. Vielleicht müssen wir lernen, mit dem Schlechten in der Welt zu leben. Oder besser: den Anspruch im Namen unserer Werte und den Druck hoch zu halten, aber auch die Zeit für eine Verbesserung der Welt spielen zu lassen.

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