© APA/AFP/EVA MARIE UZCATEGUI

Leitartikel
01/20/2021

Die Demokratie braucht die Trump-Wähler

Trump ist weg, der Trumpismus bleibt – und damit Millionen von Bürgern, die sich als Opfer, nicht als Partner eines Systems sehen.

von Konrad Kramar

Na also, hat ja doch nur vier Jahre gedauert, und jetzt ist es überstanden. Die Stoßseufzer in den Regierungsämtern dies- und jenseits des Atlantiks sind kaum zu überhören. Joe Biden, der routinierte Mann der Mitte, wird das schon richten, in den USA und mit Verbündeten und Gegnern auch gleich dazu.

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Mehr Trump-Wähler als 2016

Eine trügerische Hoffnung. Egal, ob dieser unrühmliche Abgang Trumps und seiner Dynastie endgültig ist oder nur eine kurze Pause vom Twitter-Populismus: Das politische Phänomen, das ihn ins Weiße Haus gebracht hat, ist stärker denn je. 74 Millionen Amerikaner haben 2020 Trump gewählt, mehr als bei seinem Sieg 2016. Mehr als die Hälfte dieser Wähler ist überzeugt, dass die Wahl nicht korrekt abgelaufen ist, Trump der Sieg zugestanden wäre.

Grundsätzliches Misstrauen

Dabei geht es nicht um irgendwelche Wahlkreise, in denen irgendwelche Stimmzettel gefälscht wurden. Es geht um das grundsätzliche Misstrauen, das Millionen von US-Bürgern ihrem System entgegenbringen: ein System, von dem sie sich nicht mehr vertreten fühlen, das ihrer Wahrnehmung nach nur noch den Interessen einer Elite dient, das ihnen nur noch die Rolle des Opfers zuweist. Trump ist für sie der einzige, der bereit ist, für sie zu kämpfen. Der New Yorker Milliardär als Rächer der Enterbten gewissermaßen.

Rückzug von der Demokratie

Man kann über die Skurrilität dieser Weltsicht lächeln, sich empören oder arrogant die Nase rümpfen. Allesamt Haltungen, die die Trump-Wähler und ihresgleichen in allen westlichen Demokratien enger zusammenrücken lassen. So ziehen sie sich nur noch weiter aus dem offenen Meinungsaustausch, dem Miteinander zurück, die Grundlage unserer Demokratien sind. Eine Lehre aus den Trump-Jahren sollten wir dringend ziehen: Eine Demokratie, die diese Menschen, ihre Anliegen, ihre Ängste, ihre Wut nicht ernst nimmt, untergräbt sich selbst, bereitet autoritären Systemen den Boden, die sich in der scheinbar intakten, aber leblosen Hülle dieser Demokratie einnisten.

Gedemütigt

Große US-Denker wie der politische Philosoph Michael Sandel machen deutlich, wie unsere Leistungsgesellschaft immer größere Gruppen nicht nur ausschließt, sondern als Verlierer demütigt. Mit sozialen Zuwendungen und Ermahnungen, sich doch höhere Bildung zuzulegen, lassen sie sich nicht abspeisen. Sie wollen Anerkennung, Respekt und das Gefühl, dass die Demokratie ihnen Platz und eine tragende Rolle zuweist. Erst dann werden sie sich nicht mehr gegen sie richten, was sie mit ihrer Stimme für Trump quasi getan haben. Biden hat den Ruf, ein Versöhner mit ausgeprägtem Sinn für das Leid von Menschen zu sein. Diesem Ruf wird er nun gerecht werden müssen. Sein Erfolg oder sein Scheitern hat Signalwirkung nicht nur für die USA, sondern für alle westlichen Demokratien.

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