Meinung
21.04.2018

Die bequeme Freizeitgesellschaft lässt andere arbeiten

Wirte und Bäcker finden kein Personal mehr - schon gar nicht für Wochenendarbeit. Ist etwas faul im Staate Österreich?

Eine KURIER-Diskussionsrunde diese Woche stimmte nachdenklich. Da sagten zwei prominente Gastronomen Ähnliches: Jahrzehntelang habe man um Gäste gekämpft. Jetzt seien sie da, aber nun fehlten Köche und Kellner. Viele Wirtshäuser würden am Sonntag geschlossen bleiben, weil offen zu halten zu teuer sei und man niemanden mehr finde, der am Wochenende arbeiten wolle. Und der Gast? Der habe hohe Ansprüche, erwarte niedrige Preise und werde immer ungeduldiger.

Ein Land kann kaum erfolgreich bleiben, wenn die gut Situierten unter den Jungen nur noch Teilzeit arbeiten wollen und viele der schlecht Ausgebildeten eine „AMS-Karriere“ anstreben. Auch der Chef der Wiener Bäckerei Schwarz erzählte kürzlich, dass Junge lieber von der Mindestsicherung leben würden, bevor sie den Bäckerberuf ergreifen würden.

„Die Wirte sollen nicht immer jammern und den Leuten halt mehr zahlen“, wird in diesem Fall oft achselzuckend argumentiert. Da ist wohl etwas dran. Aber: Erstens muss sich ein Angestellter für einen Arbeitgeber auch rechnen, andernfalls geht er in Konkurs. „It's the economy, stupid!“

Und zweitens ist Geld oft nicht das Hauptargument. Neos-Politiker und Gastwirt Sepp Schellhorn meinte am KURIER-Podium, er zahle Köchen 6000 Euro und seinem Tellerwäscher, einem afghanischen Flüchtling, 1900 brutto plus Trinkgeld-Anteil. Das ist nicht wenig. Und man möchte doch auch glauben, dass sich Köche und Kellner darum reißen würden, im Spitzenrestaurant Steirereck arbeiten zu können. Aber auch Heinz Reitbauer hat Probleme, Personal zu finden. Hat Winzer Leo Hillinger recht? In einem Standard-Interview hat er vor einiger Zeit gemeint: „ Österreich hat sich darauf spezialisiert, Gastronomen umzubringen.“

Wahrscheinlich sollte man sich tatsächlich wieder mehr des Werts solcher Unternehmer besinnen: von Leuten – gerade in der Gastronomie – , die Risiko auf sich nehmen, Arbeitsplätze schaffen, weit jenseits der 38,5-Stunden-Woche arbeiten (oft gemeinsam mit der ganzen Familie) und über bürokratischen Auflagen verzweifeln.

Auch Arbeitnehmer werden ausgepresst, sagen Gewerkschafter und Arbeiterkämmerer. Auch das ist nicht falsch. Aber die wachsende Arbeitsverdichtung ist vor allem eine Folge hoher Steuern und Abgaben: Damit wird zu oft Nicht-Arbeit finanziert, was zur Folge hat, dass die, die (noch) arbeiten, immer mehr leisten müssen, weil sich die Arbeitgeber keine höhere Angestelltenzahl leisten können. Die Katze beißt sich in den Schwanz.

Die Sozialgesetzgebung braucht offenbar ebenfalls eine Reform, wenn gute Jobs trotz hoher Arbeitslosenzahl so schwer zu besetzen sind. Die Vorstellung ist nicht sehr sympathisch, aber offenbar real: Die Freizeitgesellschaft sitzt im Lokal, kommandiert gedankenlos den (ungarischen) Kellner herum und vergisst, dass ein Sieben-Euro-Menü nur von Lebensmitteln stammen kann, die wahrscheinlich weder bio noch regional sind. Sonst müsste es nämlich teurer sein. Da kann einem wirklich der Bissen im Hals stecken bleiben!