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Leitartikel
08/07/2021

Der Zweitbildschirm

Fernsehen als Lebensmittelpunkt war einmal; die Vielfalt an Unterhaltungs- und Informationsmöglichkeit seither ist Segen und Fluch

von Andreas Schwarz

Es ist gerade einmal 50 Jahre her, da war die Wohnzimmerwelt noch simpel: ein Fernsehgerät, seit einigen Jahren schon in Farbe, zwei Sender und ein eingeübter Wochenablauf. Am Freitagabend Krimi, meist der „Kommissar“ oder ein straßenfegender Durbridge-Mehrteiler, am Samstag der große Kulenkampff oder andere Abendshows, am Sonntag seit Neuestem „Tatort“, unter anderen mit dem Österreicher Sieghart Rupp als Zollkommissar Kressin – und jeden Abend um 19.30, nach dem Nachtmahl: die „Zeit im Bild“, Informations-Hauptquelle des Österreichers neben seiner Stamm-Tageszeitung.

Die ZiB gibt es noch. Sonst hat sich seither ein Umbruch ereignet, der zu den größeren in der Menschheitsgeschichte gezählt werden kann, vergleichbar mit der Erfindung der Dampfmaschine oder dem Ende der Die-Erde-ist-eine-Scheibe-Theorie. Die Revolution, die aus der Wohnzimmerenge hinausführte, begann langsam und aufregend – Videorecorder, Kabel-TV mit vielen Kanälen – und nahm bald Fahrt auf: Computer, Mobiltelefon, Internet, Wikipedia, Social Media, Smartphone, Youtube, Streaming-Portale ...

Heute ist das Fernsehgerät, wenn es das in einem Haushalt noch gibt, nur mehr Zweitbildschirm, in dem die klassischen TV-Anstalten oft nur noch einen Gastauftritt haben.

Das ist per se nicht schlecht. Die unermessliche Vielfalt an elektronischen Schau- und Unterhaltungsmöglichkeiten, die noch unermesslichere (pardon für die verbotene Steigerung) Vielfalt an Informationsangeboten bieten dem Konsumenten und Interessierten so etwas wie ein Menschenrecht: zu wählen, was er sehen und hören, wo und wie er sich informieren will. Vor allem das Ende der Singulärinformation ist ein Segen.

Und ein Fluch. Weil just im Informationsbereich die Frage, was ist echt?, immer schwerer zu beantworten ist. Im Netz florieren neben klassischen Medien im neuen Gewand diverse Info-Channels, von Parteien hochgezwirbelte angebliche „Nachrichtenportale“ (das unverfrorene Greifen nach der Meinungshoheit findet nicht nur bei der Besetzung des ORF-Chefpostens statt), dazu Fake News- und Verschwörungs-Strecken, die von klassischen Nachrichtenüberbringern kaum zu unterscheiden sind. Scharlatane und Desinformationsprofis finden ein weites Feld, die Welt wieder zur Scheibe zu formatieren – weil das „Das steht ja da“ verbreiteter ist, als man glaubt. Und der naseweise Hinweis auf die Eigenverantwortung des Konsumenten zur Prüfung verpufft in den Weiten der neuen Welt.

Ja, auch klassische TV-Anstalten verbreiten manchmal Unfug. Oder Unterhaltungs-Schrott, wie man ihn auf manchen Streaming-Portalen beim besten Suchen nicht fände. Und zum Wohnzimmer von damals will ohnehin niemand zurück. Mit der Überforderung außerhalb haben wir aber noch einigermaßen viel zu tun.

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