Meinung
04.09.2018

Der rechte Pöbel und die verunsicherte Mitte

Chemnitz zeigt am Reißbrett, was alles schief laufen kann, wenn schwarz-weiß argumentiert wird

Es hat mehr als eine Woche und Kaliber wie „Kraftklub“ und die „Toten Hosen“ gebraucht, um in Chemnitz eine stattliche Anzahl von Bürgern zu mobilisieren, die gegen Rassismus, Rechtsextremismus und neonazistische Recken aufzeigten. Oder die zumindest das Konzertmotto „# wir sind mehr“ zu untermauern versuchten. Denn in den Tagen zuvor waren der Lurch aus Hitlergrüßern, die den nackten Hintern zeigen, und AfD-Claqueuren, die längst Teile der bürgerlichen Mitte für sich vereinnahmt haben, bei Demonstrationen stets die Mehreren.

Anlass für den Aufruhr im Osten Deutschlands, für die pogromartigen Szenen, für den Hass, der da hinausgespuckt wird und das Land erschüttert: Der Mord an einem Deutschen, mutmaßlich durch zwei Asylwerber aus dem Irak und Syrien. Einer von ihnen hätte längst wegen Straffälligkeit abgeschoben werden müssen. Wieder ein einschlägiges Versäumnis. Die Empörung, auch darüber, ist verständlich.

Faktum ist aber auch: Chemnitz hat einen Ausländeranteil von acht , einen Flüchtlingsanteil von gerade zwei Prozent. In Düsseldorf zum Vergleich sind ein Viertel der Bevölkerung Ausländer, 40 Prozent haben Migrationshintergrund. Neonazi-Aufmärsche, flankiert von Wut- und Hutbürgern, wie die Zeit schreibt, sind von dort nicht bekannt. – Woher kommt also der Hass einer breiten Masse, der sich in den ehemals ostdeutschen Bundesländern gegen „die Fremden“ kanalisiert?

Vernachlässigung, fehlende Sicherheit

Unter den vielen Gründen, die man auch von anderswo kennt – was noch nicht da ist, kann ja noch kommen, Verlustängste, etc. – kommen in Sachsen nach wie vor das Gefühl der Vernachlässigung und der fehlenden sozialen Sicherheit im Vergleich zu DDR-Zeiten. Zumal: Zuwanderer kannte man damals allenfalls aus kommunistischen Bruderländern wie Vietnam.

Diese Unzufriedenheit haben Rechtspopulisten und Rechtsradikale immer verstanden, für sich zu nutzen. Und auf Feindbilder zu lenken, auf dass der Unzufriedene gar nicht mehr viel nachzudenken braucht: der Staat, das Establishment, der Migrant, die Medien.

Die viel gescholtenen Medien. Sie tragen gerade in den letzten Tagen (un-)freiwillig das Ihre zur Anti-Stimmung bei. Denn nicht jeder, der in Sachsen auf Seiten des Radaus marschiert, ist ein Nazi. Nicht jede Luft, die dem Soziopathen Thilo Sarazzin entweicht, ist wert, im Feuilleton ernsthaft debattiert zu werden. Nicht alle, denen vor drei Jahren unter dem Titel „Flucht vor dem Krieg“ geholfen wurde, waren Lämmer.

Wenn man sich darauf verständigt, wenn man die Unzufriedenen nicht dämonisiert, wenn man hinschaut auf die Probleme, statt sie in vermeintlicher political correctness wegzudenken (und -schreiben), verhindert man vielleicht, dass der Mob weiter grast, wo kein Platz für ihn sein dürfte. Denn der ist in einer kleinen, vulgären Ecke am Rande der Gesellschaft. Wo die Gesellschaft und ihre Mitte eigentlich nicht hin wollen sollte.andreas.schwarz