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Meinung
11/09/2019

Der Mauerfall als Mutmacher

Systemfehler und die Gunst der Stunde veränderten die Welt vor 30 Jahren epochal – das macht Hoffnung für die nächsten 30.

von Andreas Schwarz

Wir leben in einer Gesellschaft, die sich gerne daran delektiert, dass alles furchtbar ist. Gegen alle Statistik – und medial angefeuert – geht es uns schlechter als früher. Das persönliche Budget, der soziale Zusammenhalt und die Umwelt gehen gerade den Bach hinunter. Die politische Zukunft verheißt mit einem zerbrechenden Europa und einem Überhandnehmen von Populisten, Despoten und/oder Idioten an der Macht auch nichts Gutes. Frei nach Karl Valentin: „Die Zukunft war früher auch besser.“

Mitunter aber kommt es doch anders. So wie heute vor 30 Jahren, als mit der Berliner Mauer ein über Jahrzehnte einzementiertes Gefühl der Aussichtslosigkeit fiel. Man kann es Nachgeborenen nicht oft genug erzählen: Mitten durch Europa verlief ein Zaun. Zwei Systeme, ein westlich-freies und ein östlich-staatsdirigistisches, standen einander und bis auf die Zähne bewaffnet gegenüber. Menschen, die von Ost nach West wollten, wurden von Schergen der im Satten lebenden Bonzen erschossen.

Dass das kommunistische System zusammenbrach, lag am Systemfehler an sich. An den mutigen Menschen dort. An der Konsequenz im Westen (Reagan zwang die Sowjets, sich finanziell totzurüsten). Und an der Gunst der handelnden Personen (Gorbatschow).

Seither ist viel passiert. Nicht immer nur Gutes, von Balkankrieg, Finanzkrise, Flüchtlingswelle ganz abgesehen. Der Westen hat Fehler gemacht im Umgang mit dem östlichen Erbe („Siegergehabe“ © Gorbi). Aber Deutschland im Speziellen und Europa haben viel Geld in die Hand genommen, um den Neuanfang im Osten zu heben. Die gerne ziselierte These, das Erstarken von Nationalismus und Populismus im Osten liege daran, dass EU-Europa die Menschen nicht mitgenommen habe, ist Unsinn. Der Wohlstand ist auch dort – viel weniger als im Westen, zugegeben – gewachsen in den vergangenen 30 Jahren.

30 Jahre, was für eine kurze Spanne! Wie fundamental hat sich die Welt, hat sich Europa in dieser Zeit verändert.

Fußnoten der Geschichte

Und 30 Jahre in die Zukunft? Wie weit und unvorhersehbar klingt das. Aber vielleicht sind in 30 Jahren die Trumps und Johnsons und andere Populisten nur noch eine Fußnote der Geschichte, weil sie nicht liefern konnten, was sie versprachen. Vielleicht haben die Menschen die Umweltkatastrophe so abgewendet, wie sie das auch schon mit dem unabwendbar sauergeregneten Wald und dem unabwendbar wachsenden Ozonloch gemacht haben.

Und vielleicht lernt Europa, dass seine Schwäche nicht nur in Sachen Migration aus seiner anhaltend tiefen Uneinigkeit resultiert, die nur einmal Pause hatte: damals, als die Mauer fiel. Eine epochale Veränderung, die noch Tage vorher kaum wer für möglich gehalten hätte. – Das sollte eigentlich ein Mutmacher sein in Zeiten des Furchtbaren.

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