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Meinung
01/12/2020

Der Krieg und die Verhältnismäßigkeit

Früher Panzer, heute Raketen – aber in Zukunft werden Kriege noch ganz anders und gefährlicher geführt werden.

von Andreas Schwarz

Am Ende ist es dann doch kein offener Krieg geworden. Schon gar kein neuer Weltkrieg, den atemlose Boulevardmedien gerne herbeischreiben. Obwohl: Was heißt schon „am Ende“ bei der Lage in Nahost? Und das herkömmliche Wort „Krieg“ ist sowieso irreführend.

Aber der Reihe nach: Der US-Präsident hat im seit Monaten eskalierenden Konflikt mit dem Iran – den er durch den Bruch eines Abkommens vom Zaun gebrochen hat – einen iranischen General in die Luft jagen lassen. Der Mann war aus Donald Trumps Sicht eine anti-amerikanische Tötungsmaschine. Der Iran hat als Vergeltung Raketen auf US-Ziele abgefeuert, durch die niemand zu Schaden kam. – Fall erledigt, in aller „Verhältnismäßigkeit“, wie das heißt. Gott sei Dank. Außer dass Flug PS 752 mit 176 Menschen an Bord vom Himmel fiel – getroffen von einer iranischen Luftabwehrrakete, die scharf war für den Fall, dass der Fall nicht erledigt gewesen wäre. Zivile Opfer, der zynische „Kollateralschaden“ wie in jedem Krieg.

Also doch Krieg?

Gute Nachricht: Weniger Opfer

Die Definition ist heute ein andere als noch vor nicht allzu langer Zeit (siehe Seiten 8, 9). Krieg ist nicht mehr das Aufeinanderprallen von Menschenmaterial in Uniform und Panzern nach vorheriger Kriegserklärung, die völkerrechtliche Mechanismen auslöst. Der klassische „Krieg“ ist abgelöst worden durch Völkermorde (Ruanda, Balkan), Bürgerkriege, Stellvertreterkriege, unter- und überschwellige bewaffnete Konflikte der verschiedensten Art, systemischen Terror und Bekämpfung der Terroristen. Es gibt mehr Formen kriegsähnlicher Konflikte als je zuvor – und, gute Nachricht, insgesamt weniger Tote. Auch wenn man das angesichts Hunderttausender Opfer in Syrien oder der Terrorwelle des „Islamischen Staates“ nicht glauben mag: Der Terror war in den 1970er- und 80er Jahren blutiger, die Kriege und Völkermorde davor (Stichwort: Vietnam, Kambodscha) waren es auch.

Keine Frage: Es gibt noch die atomaren Bedrohungen auf der Welt; die Raketen und archaischen Kampfmittel im Nahen Osten muten wie Krieg von ehedem an; und was die USA und der Iran treiben, ist auch eine Form von Krieg.

Aber Krieg wird in Zukunft noch einmal ganz anders funktionieren – nicht nur mit Waffen, sondern auch per Maus und Knopfdruck am Computer. Den Vorgeschmack hat es schon gegeben, von Wahlbeeinflussungen via Internet bis zu Angriffen auf Systeme und ganze Staaten. Auch das ist Krieg. Den können Russland, China, die USA genauso führen wie nordkoreanische Hackerbanden und eine Handvoll Computer-Nerds im eigenen oder in irgendjemandes Auftrag. Was diese Form des Krieges gefährlicher, weil schwerer greif- und kontrollierbar macht. Von der „Verhältnismäßigkeit“ nicht zu reden.