© APA - Austria Presse Agentur

Leitartikel
06/06/2021

Der blaue Dichterfürst als starker Mann

Selten war es einfacher, die Regierenden zu kritisieren, als in der Pandemie. Beste Voraussetzungen für Herbert Kickl.

von Christoph Schwarz

Polit-Nostalgiker unter uns wurden in den jüngsten Tagen von der FPÖ schwer enttäuscht. Wer sich nach dem Abgang des zermürbten Bundesparteichefs Norbert Hofer die traditionellen Flügelkämpfe, gepflegtes Nachtreten und Knittelfeld-artige Putschversuche erwartete, ging leer aus. Die innerparteilichen Kontrahenten von Herbert Kickl, der heute den nächsten Schritt in Richtung neuer Parteichef machen will, wagten sich letztlich (noch?) nicht aus der Deckung. Die Sehnsucht nach einem starken Mann an der Spitze ist wohl stärker.

Aber kann Herbert Kickl dieser starke Mann sein?

Dass er das politische Spiel in der zweiten Reihe beherrscht, hat der blaue Dichterfürst und Scharfmacher unzählige Male bewiesen. Für die erste Reihe war Kickl aber bisher sogar den eigenen Kameraden stets ein bisschen zu laut und ein bisschen zu ungehobelt.

Klar ist, dass sich mit einem FPÖ-Chef Herbert Kickl nicht nur das politische Klima wandeln würde. Auch auf die politische Farbenlehre hätte seine Machtübernahme Auswirkungen. Eine Rückkehr zu Türkis-Blau ist, solange Kickl und ÖVP-Chef Sebastian Kurz an den Rudern sind, ausgeschlossen. Zu tief sind die (persönlichen) Wunden, die Ibiza samt seiner Nachwehen vor allem bei Kickl schlug. Auch eine engere Kooperation der anderen Parteien gegen die ÖVP, wie sie zuletzt immer wieder (auch von den Türkisen, denen die Opferrolle gar nicht schlecht gefällt) ventiliert wurde, würde mit Kickls Machtübernahme noch viel unwahrscheinlicher, als sie es jetzt schon ist.

Gut möglich, dass Kickl die FPÖ in die Fundamentalopposition führen würde, die Bedeutungslosigkeit droht ihr aber nicht.

Im Gegenteil. Kickl bedient mit seiner Art, Politik zu machen, nicht nur den Narrensaum der Gesellschaft. Freilich, die Stimmen der Maskenverweigerer, Corona-Leugner und Verschwörungstheoretiker sind ihm sicher. Aber auch darüber hinaus hat sich zuletzt gezeigt, dass man mit radikalen Positionen und schrillem Polit-Sprech punkten kann. Und zwar nicht nur in Österreich: Bei der Landtagswahl im deutschen Sachsen-Anhalt verpasste die AfD, die dort noch ein bisschen rechter ist als anderswo, gestern zwar den ersten Platz. Dass sie 22 Prozent der Stimmen erreichte, zeigt aber, wie viele Wähler für rechte und rechtspopulistische Politik empfänglich sind.

Mit dem vorgeblichen Kampf gegen die etablierten Parteien – zu denen die Rechten in Wahrheit natürlich selbst zählen – lässt sich in und nach der Krise Stimmung machen. Selten war undifferenzierte Kritik an den Regierenden, die angesichts der Pandemie nicht immer trittsicher agierten (und agieren konnten), einfacher. Die aufgeheizte politische Grundstimmung in Österreich – befeuert von ungustiösen Chat-Nachrichten – tut ihr Übriges. Herbert Kickl wird sich seinen Reim darauf zu machen wissen.

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