„Also ist der berühmteste Neurotiker der Welt gar kein Neurotiker?“ „Er weiß, was es heißt, ein Neurotiker zu sein. Das muss er auch wissen, weil er ein genialer Schriftsteller und Regisseur ist. Ich bin der Ansicht, dass man ein bissl meschugge sein muss, um nicht verrückt zu werden.“

© Filmstill

über den Künstler und sein Werk
02/06/2014

Darf man Woody Allens Filme noch mögen?

Woody Allen soll seine Tochter missbraucht haben. Ändert das unsere Wahrnehmung seines Werks?

Darf man Woody Allens Filme noch mögen?

Viktor Augenfeld | über den Künstler und sein Werk

Ein Werk, zu dem man steht, für das man geschuftet hat, weil es einfach raus musste, das einem entspricht, einen reflektiert, empfindet man als Kunstschaffender in gewisser Weise als eine Art "Kind". Der Sinn dieses "Kindes" ist, sich vom Künstler zu lösen, zu wirken, im Idealfall von vielen Menschen gesehen/gehört/gespürt zu werden, bis der, der es geschaffen hat, in den Hintergrund tritt und das Werk wichtiger wird als die Person, die es geschaffen hat – so wie es wichtig ist, dass ein Mensch seine Eltern hinter sich lässt, wenn er erwachsen wird, und zum eigenständigen Individuum wird, das nicht mehr "der Sohn von" oder "die Tochter von" ist.

Eitles Genie-Fantum

Mit Boykottaufrufen gegen diese Kunstwerk-"Kinder" nimmt man ihnen ihr Eigenleben, man unterstützt eitles Genie-Fantum und macht eigentlich genau das, was man mit Menschen wie Woody Allen (sollten sich die Vorwürfe bestätigen) eben nicht machen sollte: Die Werke für alle Zeiten an ein Ego, an den "Vater" hängen. Denn dann verliert man jede kritische Distanz zum Werk, das dann – im falle des Fantums – generell als super (auch wenn Mist darunter ist) oder - im Falle der moralisch motivierten Ignoranz - generell als schlecht empfunden wird.

Ich habe mich z.B. völlig davon gelöst darüber nachzudenken, von wem Polanskis Filme stammen; sie sind mehrheitlich große filmische Werke und jede Verknüpfung mit Polanskis zweifellos unsympathischer Persönlichkeit ist daher völlig redundant. Ähnlich ging es mir mit Stanislaw Lem, einen von mir sehr geschätzten Autor, den ich nach seinen letzten Interviews nur mehr als ziemlich ignoranten Trottel bezeichnen kann; dennoch finde ich seine Bücher nach wie vor "outstanding".

Wir bewegen uns in eine sehr ungute Richtung

Ich erinnere mich auch an ein Comicfestival in Linz, wo ein Journalist nach einem Vortrag u.a. über H.P. Lovecraft eine kurze Rede hielt, die den Inhalt hatte, dass man dessen Werke doch tunlichst nicht mehr lesen sollte, weil H.P. Lovecraft ja ein Rassist gewesen sei. Schon damals beschlich mich das düstere Gefühl, dass wir uns damit in eine sehr ungute Richtung bewegen würden... denn dann dürften wir bald nur mehr sehr wenig rezipieren...

Auch Gauguin hat minderjährige Mädchen auf seinen Südeeinseln verführt, Wilhelm Busch war Antisemit, Egon Schiele wegen pornographischer Bilder Minderjähriger verurteilt und auch so manch anderer großer Name (z.B. auch da Vinci oder Hieronymus Bosch) stand zuweilen wegen Sittlichkeits- bzw. Moralvergehen (der jeweiligen Rechtsordnung ihrer Zeit) vor dem Richter.... So ist Richard Wagners Musik weitestgehend genial, obwohl sie ein bekennender Antisemit geschaffen hat.

"Code Mesrine"

Die Bücher "Staatsfeind" und "Der Todestrieb" von Jacques Mesrine sind eindrucksvolle literarische Zeugnisse, ungeachtet der Tatsache, dass sie von einem Bankräuber und Polizistenmörder verfasst wurden – Zeugnisse die so erfolgreich waren, dass sie in Frankreich übrigens zum "Code Mesrine" führten, der seitdem verhindert, dass im Gefängnis sitzende Autoren aus den Schilderungen ihrer Straftaten in literarischer Form ein Einkommen beziehen können!

"Alice in Wonderland" ist ein großartiges Buch, obwohl sein Verfasser leidenschaftlich gern kleine Mädchen (zumindest) fotografiert hat. William Burroughs Bücher und künstlerische Ideen sind erstaunlich, obwohl sie von einem multiplen Drogenbenutzer stammen, der möglicherweise seine Ehefrau erschossen hat.

Ich könnte hier noch tagelang aufzählen, worum wir uns bei moralisch intendierten Boykotten berauben würden. Also lassen wir die Kirche im Dorf (oder, man verzeihe mir den blöden Woody-Allen-bezogenen Witz, die Synagoge im Städtl) und halten wir halt Woody Allen für einen üblen Charakter, aber bitte hören wir auf, seinen Filmen unrecht zu tun!

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