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Gastkommentar
05/13/2020

Corona ändert nicht alles

Das Virus als Außenfeind – eine gefährliche Verkürzung

Psychologie. Immer wieder stolpere ich in letzter Zeit bei den Stellungnahmen der Politiker und in den Medien über Sätze wie: „Corona ändert alles“ oder „Das Virus hat uns alle im Griff“. Ich halte das für starke Verkürzungen, die gefährlich sein können.

Ich arbeite als Psychotherapeutin seit vielen Jahren mit Menschen unter anderem daran, die eigene Selbstwirksamkeit wieder zu entdecken, sie einzusetzen und die daraus folgenden Auswirkungen zu verantworten. In vielen Konflikten wird zu Beginn sehr oft die Schuld nur beim anderem gesehen: „Mein Chef ist so gemein“, „Meine Schwiegermutter ist an allem schuld“ etc. Das sind aus der jeweiligen Situation heraus durchaus verständliche Aussagen, aber man sollte sich darüber im Klaren sein, dass dies die momentanen jeweils eingeengten Sichtweisen der leidvoll Beteiligten sind.

Wenn nämlich nur die Schwiegermutter schuld ist, kann man nichts tun. Zu erkennen, was die Schwiegermutter in einem auslöst und warum und in einem weiteren Schritt zu unterscheiden, in welchen Punkten sich das Gegenüber beispielsweise grenzüberschreitend verhält und wie man angemessen darauf reagieren kann, ist eine von vielen wesentlichen Aufgaben der Psychotherapie.

Ähnlich verhält es sich mit Corona: Sehr viel Leid kann durch Unglücksfälle, Krankheit und Tod über Menschen hereinbrechen, auch durch Coronaviren, auch durch Covid-19. Aber Corona ändert nicht alles.

Entscheidungsträger

Viel von dem, was in den letzten Wochen in großem Stil verändert wurde, haben nämlich Entscheidungsträger aufgrund der ihnen vom Volk in einer demokratischen Wahl übertragenen Vollmachten bestimmt. Aber spätestens an dieser Stelle sollte man daran erinnern, dass es sich dabei um begründbare Einzelentscheidungen handelt, die in der Verantwortung der Entscheidungsträger liegen. Sie wurden von diesen als die besten von mehreren Möglichkeiten eingestuft, damit aktiv gewählt und müssen jetzt und auch in Zukunft verantwortet werden. Diese Reaktionen, also die von der Regierung auferlegten Maßnahmen sowie die Reaktionen der Mitmenschen, haben bereits mindestens so viel verändert wie das Virus selbst und werden langfristig noch viele weitere gravierende Auswirkungen zeigen.

Die Verkürzung „Corona ändert alles“ schiebt alle Macht einem Außenfeind, in dem Fall einem Virus zu und lässt den Menschen in seiner Entscheidungs- und Handlungskompetenz und in seiner Verantwortung aus dem Spiel. Aussagen wie „Corona ändert alles“ haben das Potenzial, Angst zu schüren, einen Außenfeind zu kreieren und die Möglichkeit zur Eigenverantwortung zu verschleiern.

Diese Kombination könnte gefährliche Auswirkungen haben. Will man dabei mitmachen, Menschen in einen solchen Zustand zu führen? Bisher waren diese Tendenzen bei bestimmten politischen Parteien zu finden, nun erkenne ich sie zusehends bei allen.

„Corona ändert alles“. Nein, das tut es bestimmt nicht.

Holen wir uns unsere Selbstwirksamkeit zurück und verstecken wir uns nicht hinter einem Virus. Zukünftigen noch gefährlicheren Verkürzungen wären damit Tür und Tor geöffnet.

Iris Seidler ist Psychotherapeutin und Lehrtherapeutin in Wien