Meinung
29.05.2012

Contador 1, Schlecks Kette 0

Schleck verliert das Gelbe Trikot wegen Defekt, Thomas Voeckler macht den 5. französischen Etappensieg.

Es gibt im Radsport so ein paar ungeschriebene Regeln. Ich erinnere mich an einen Juli vor vielen Jahren, als ich krank daheim darbte und nix zur Unterhaltung hatte ausser ein paar Leute in seltsamer Kleidung, die versuchten, schneller als andere einen Berg hinaufzuradeln. Damals interessierte mich das nicht sonderlich, aber dann passierte folgendes: Einer, er hieß Armstrong, matchte sich schon seit Tagen mit Ullrich. Und dann, auf einmal, auf einem Anstieg, verhakelte sich dessen Lenker in einem Zuschauerplastiksackerl und Lance landete auf der Strasse. Nix arges passiert weil nicht schnell, und Ullrich fuhr zuerst weiter, wartete aber dann, bis Armstrong wieder am Rad war und zu ihm aufgeschlossen hatte. Das war genau der Moment, wo mich Radsport zu faszinieren begann, diese Geste der Sportlichkeit und der Wertschätzung des Konkurrenten. Natürlich hat das Ullrich (vielleicht?) den Sieg gekostet, weil Armstrong ihn dann attackierte und eiskalt stehen ließ, aber machte es aus: Es hat nicht das Pech entschieden, sondern der bessere Radfahrer hat gewonnen. Und genau deswegen sage ich heute: Pfui, Alberto!

Die ungeschriebene Regel besagt: Man tut das Gelbe Trikot nicht attackieren, wenn der Träger a) Lulu macht, b) umgeschmissen hat oder c) ein technisches Problem hat. Das sind seltsame Privilegien, aber, man kann das schwer erklären, es ist halt mehr als nur ein eingefärbtes Laiberl oder der Preis, den man gewinnen kann. Mehr so ein bissi wie eine Krone. Hat auch Verpflichtungen: zB ist es primär die Verantwortung des Teams des Trikotträgers, Ausreissergruppen wieder einzufangen. Man muss auch bedenken, dass ich keinen Sport kenne, bei dem man so auf das Wohlwollen der Konkurrenz angewiesen ist. Du fährst stundenlang Ellbogen an Ellbogen mit all den Leuten. Die Lücke, in die du im dichten Peloton reinfahren willst, kann auch zugemacht werden. Das aufgerissene Loch kannst du nicht alleine zufahren. Die Ausreissergruppe wirft dich raus oder wird gnadenlos vom Feld totgejagt. Vielleicht ist deswegen der Radsport so mit Kodex und Verhaltensmaßregeln gespickt, die alle unter dem Banner der Fairness und Sportlichkeit laufen.

Ich finde aber einfach, dass es schade ist. Der Tag wäre so spannend gelaufen: Saxobank setzt alles auf eine Karte: Attacke am letzten Berg. Das Team fährt sich das letzte Glykogen aus dem Leib, dann Angriff, Konter, Tempofahren, aber gerade, als es aussah, als hätte Schleck die entscheidende Attacke gefahren, springt ihm die Kette runter. Während er probiert, sein Rad wieder herzurichten, startet Contador eine Konterattacke, der Menchov und Sanchez folgen können. Bergauf macht Andy zwar wieder einiges an Zeit wett, verliert aber gegen das Trio in der Abfahrt genug, um das Gelbe Trikot an Contador abgeben zu müssen. Man sieht: Schade, weil wir jetzt nicht wissen, wer der bessere Kletterer ist, sondern nur, wessen Kette am Ritzel geblieben ist. Hat Alberto wirklich so viel Angst vor Andy, dass er sich diese Chance nicht hat entgehen lassen können? Nicht einmal um den Preis, dass jetzt jeder sagen wird: Nur mit Glück gewonnen? Dem Publikum gefiel es definitiv nicht: Buh-Rufe, als er das Trikot übernahm.

Schleck selbst tut derweil kämpferisch: Man darf sich auf die letzten beiden Bergetappen freuen. Morgen wird wohl eher schwierig werden, 60 km vom letzten Berg bis ins Ziel, das spricht gegen erfolgreiche Attacke irgendeines GC-Favoriten, schon gar nicht von Andy, schon gar nicht gegen ein so starkes Team wie Astana. Eddie Merckx hat sich das damals noch richten können, aber der letzte Solo-Sieg über eine derartige Etappe mit Wut im Bauch: Floyd Landis. Hoffentlich keine Option. PS: Weil wir beim Thema sind: Doping spielt offensichtlich ja keine Rolle bei all diesen ungeschriebenen Regeln. Das läuft vielleicht eher unter: Gleiche Voraussetzungen schaffen. Nur wenn erwischt, gilt die Omertá: Maul halten, Strafe absitzen. PPS: Alberto Contador beteuert einige Stunden nach Renn-Ende auf seiner Homepage, dass ihm "Fair-Play" sehr wichtig sei. Den Link zum "Entschuldigungs-Video" finden Sie etwas weiter unten.