© via REUTERS/Sputnik Photo Agency

Leitartikel
05/25/2021

Chuzpe in der Weltpolitik

Staatschefs, die Passagierjets und Halbinseln kapern oder zum Sturm aufs Kapitol aufrufen – die Unverfrorenheit vor aller Augen nimmt zu.

von Andreas Schwarz

Das hätte einst nicht einmal John Forsythe in einen seiner Polit- und Spionagethriller eingebaut: Ein Passagierflugzeug wird auf dem Weg von einer in eine andere EU-Hauptstadt vom Kampfjet eines dritten Landes, das sich früher gerne der EU angenähert hätte, zur Landung gezwungen. Ein Oppositioneller wird bei der „Zwischenlandung“ aus der Maschine geholt und verhaftet. Während die Welt noch staunt, gesteht der aus der Luft geraubte Mensch (nach ein bisschen Folter, wie angenommen werden darf), dass er einst zum Umsturz gegen den Diktator besagten Landes aufgerufen hat.

„Zu unwahrscheinlich“, hätte der britische Autor gesagt. Aber in echt findet Solches tatsächlich statt. Die Chuzpe in der Weltpolitik ist, nein, nicht salonfähig geworden, aber sie greift immer unverschämter Platz. Mit Luft noch nach oben offenbar.

Dabei hat man gemeint, schon alles erlebt zu haben, was es weit im 21. Jahrhundert bestenfalls in Fiction-Literatur geben sollte. Die freche Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim durch Wladimir Putin zum Beispiel – Fakten schaffen und die Empörung schon mit einpreisen, wie das heute so schön heißt, und schon ist eine Landkarte umgezeichnet. Der Giftanschlag auf den russischen Doppelagenten Sergej Skripal und seine Tochter, offenbar ebenso von Putin-Schergen geplant wie jener auf den Regimekritiker Alexej Nawalny – vor den Augen der Welt, ganz unverblümt. Aber auch ein amerikanischer Präsident, der eine satte Wahlniederlage als Wahlbetrug brandmarkt und seine Anhänger zum Sturm aufs Kapitol aufruft – echt jetzt, alles möglich?

Die EU hat im Falle der Luftpiraterie des weißrussischen Langzeitdiktators rasch mit Sanktionen reagiert. Diesmal. Gut so.

Aber helfen sie? Haben die gegen Putin und seine Getreuen irgend etwas bewirkt? Haben Sanktionen überhaupt je gewirkt? Ja, vor ferner Zeit gegen Libyen, wird eingewendet, und ein bisschen, fast, gegen Iran – ja schmeck’s. In Wahrheit treffen sie meist die unschuldige Bevölkerung (über Umwege tun das auch eingefrorene Konten von Potentaten). Die Rechnung, dass sich das Volk irgendwann auflehnen würde gegen die bösen Finger an der Macht, ist bestenfalls naiv. Außerdem ist die mahnende/strafende Front nie einheitlich. Den Sanktionierten wird gerne von anderswo geholfen.

Und Politikern wie Putin, Lukaschenko & Co. auf „Augenhöhe“ begegnen, sie nicht wie Parias behandeln, wie gerne geraten wird? Ja eh. Aber wenn sie dann, wie der einst etwa von Österreich umhegte Weißrusse, ein Wahlergebnis fälschen, die Opposition verhaften, entführen, foltern lassen?

Im Thriller gibt es meist einen Helden, und am Ende wird alles gut. Im wirklichen Leben ist dieser Automatismus gegen die, die der aufgeklärten Welt mit ihren demokratischen Standards die lange Nase drehen, leider noch nicht erfunden.

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