© Elfi Pöttgen

Gastkommentar
01/20/2021

Causa Aschbacher – ein Einzelfall?

Dozenten und Professoren überprüfen Arbeiten oft nur mangelhaft. Studenten wiederum zeigen oft grobe Mängel in der Arbeitsweise

Medienberichte über Plagiate und Sprachdefizite in einer Diplomarbeit an einer österreichischen FH/Uni schaffen selten solche Reichweiten wie bei Frau Mag. (FH) Aschbacher (Titel ist noch nicht aberkannt!). Man könnte also meinen, ein solches „Erschleichen eines akademischen Titels“ wäre etwas Seltenes.

Doch ist dies so selten? Und wenn nein, warum? Jeder Betreuer (m/w/d) einer österreichischen Universität oder FH ist verpflichtet (und wird dafür bezahlt), die Studenten (m/w/d) beim Schreiben und Forschen zu unterstützen und eine akademische Arbeit genau und ganz zu lesen, um so z. B. mehrere Autoren (m/w/d) erkennen zu können (Indiz auf Plagiat). Ebenso kann anhand der erfolgten Zitierweise bzw. bei Fehlen der Quellenangabe auf ein mögliches Plagiat geschlussfolgert werden.

Dazu braucht es im ersten Schritt also keine Software, sondern nur das genaue Lesen der Arbeit durch den Betreuer! Insbesondere soll der Betreuer die Einleitung (mit Problemstellung, Forschungsfragen, Hypothesen) prüfend lesen (hier werden die „Leitplanken“ für das Forschen gelegt; siehe Expose), ebenso die Zusammenfassung der Diplomarbeit mitsamt der Integration von Theorie/Empirie und der Beantwortung der Forschungsfragen. Denn jede akademische Arbeit soll „überprüfbar und nachvollziehbar“ sein. Dass Rechtschreibung und Grammatik korrigiert werden, verstünde sich eigentlich von selbst!

Meine Klienten (m/w/d) berichteten oft, dass Assistenten, Dozenten und selbst Professoren (m/w/d) dies alles nur mangelhaft tun. Oft fehlt Ihnen die Kompetenz, wissenschaftliches Arbeiten zu vermitteln (Didaktik). Oft fehlt ihnen die Zeit oder sind sie nicht gewillt, die Thesis-Prüfung überhaupt durchzuführen. Diese Betreuer sind aber zugleich Teil eines „Systems“, in dem Universitäten und FHs nach Studenten- und Absolventenzahlen finanziert werden, die Betreuer (m/w/d) oft zu viele Studenten (m/w/d) parallel betreuen sollen und diese „Massenabfertigung“ dann nicht mehr mittragen.

Nicht fähig?

Auf der anderen Seite stellt sich die berechtigte Frage, warum immer mehr Studenten (m/w/d) nicht fähig sind, eine korrekte akademische Arbeit selbstständig zu erstellen! Haben Maturanten (m/w/d) in der Schule nicht gelernt, einen anspruchsvollen Text in gutem Deutsch richtig zu verfassen? Wird „kopieren - einfügen ohne Zitat“ aus dem Internet immer beliebter (Plagiatsbetrug), eben weil es „bequemer“ ist?

Warum wird Anti-Plagiats-Software nicht gesetzlich vorgeschrieben? Die Ex-Ministerin Aschbacher ist also sicher kein Einzelfall, so auch meine langjährige Erfahrung.

Wie wird die FH Wiener Neustadt also urteilen? Gibt es eine Titelaberkennung? Das „Betreuungssystem“ an Unis/FHs sollte sicherzustellen, dass Betreuer (m/w/d) genügend Ressourcen und Studenten (m/w/d) bessere sprachlich-formale Kompetenz haben, damit Diplomarbeiten gut werden und akademische Titel gerechtfertigt sind. Dies alles würde aber zugleich deutlich höhere Anforderungen an und tlw. die Abweisung von Studenten (m/w/d) bedeuten, also weniger Geld vom Ministerium. Doch wollen dies die Unis/FHs denn ebenso?

Clemens Spechtler ist Betriebswirt bzw. Wirtschaftswissenschafter, der Lektorat und Thesis-Coaching anbietet.

 

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