© EPA/ANDY RAIN

Leitartikel
01/13/2022

Boris Johnson, der Scharlatan

Boris Johnson hat sein Leben und seine Karriere auf Lügen aufgebaut. Jetzt bringen sie den britischen Premier ins Wanken

von Andreas Schwarz

Umfragen sind Umfragen, und der Ton im britischen Parlament und auf den Titelseiten der Zeitungen auf der Insel ist bekanntermaßen nicht zimperlich. Aber zehn Prozentpunkte Rückstand auf die Labour Party, das hatten die Tories zuletzt vor acht Jahren. Und ein „Mann ohne Scham“ und eine „Schande“ (Daily Mirror) wird ein Premierminister auch nicht alle Tage genannt. Nein, in der Tat: Boris Johnson ist es schon einmal besser gegangen.

„Ich möchte mich entschuldigen“, hat er nach langem Zögern gesagt, nachdem er die Teilnahme an einer Gartenparty in Downing Street 10 zunächst geleugnet hatte, ebenso wie an einer Weihnachtsfeier im vergangenen Jahr – zu Zeiten, als die Briten unter den strengsten Corona-Maßnahmen litten und der Kontakt auf eine Person eines anderen Haushalts beschränkt war. Er verstehe die Wut der Leute, hat er noch angefügt – und intern trotzig betont, nichts falsch gemacht zu haben. Das bringt ihm auch den Unmut der eigenen Parteikollegen ein.

Aber es sind nicht die beiden Partys mit mitgebrachtem „Alkohol für Drinks mit Abstand“ (so die Einladung des Johnson-Sekretärs), die Boris Johnson ins Wanken bringen. Es sind seine unverfrorenen Lügen, die ihn jetzt einholen. Oder anders: Der intelligente und charmante Alexander Boris de Pfeffel Johnson, der als Kind „König der Welt“ werden wollte, hat sein ganzes Leben und seine ganze Karriere auf Lügen aufgebaut.

Er hat sich an der Elite-Uni Oxford als Unterstützer der Sozialdemokraten ausgegeben und wurde so Präsident des Debattierklubs; er hat in seinem ersten Leben als Journalist Zitate und Geschichten erfunden (etwa über die EU, die Kondomgrößen standardisieren wolle); er hat als Londoner Bürgermeister geflunkert, was das Zeug hält; und er hat, sein wohl größter Sündenfall, die Briten mehrfach mit Lügen in den Brexit geführt. Das Bild des Hering-schwingenden Johnson bei einer Veranstaltung, in der er die EU für eine nicht existierende Verpackungsverordnung geißelte, und die berühmten 350 Millionen Pfund, die Großbritannien wöchentlich nach Brüssel überweisen müsse, sind seinen Landsleuten in guter Erinnerung. Vor allem deshalb, weil sie am Austritt aus der Europäischen Union zu leiden haben.

Nichts von dem Schlaraffenland, das Boris Johnson 2019 versprochen hat, hat sich realisiert. An den Engpässen, unter denen Großbritannien darbt, ist natürlich auch Covid schuld, aber eben auch der Brexit. Und Johnsons erratischer Kurs in der Pandemie ist alles andere als ein Ruhmesblatt.

A lie has no legs, sagt der Brite zu Lügen, die kurze Beine haben. Die des Boris waren lange Zeit verdammt lang. Jetzt scheint nach Donald Trump ein weiterer großer Scharlatan der Politik nach relativ kurzer Zeit zu straucheln.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.