über den Literaturpreisträger
10/23/2016

Bob geht nicht zum Telefon

Bob Dylan hat die Bühne genauso grußlos verlassen, wie er sie zuvor betreten hatte.

von Simone Hoepke

Bob Dylan hat die Bühne genauso grußlos verlassen, wie er sie zuvor betreten hatte.

Mag. Simone Hoepke | über den Literaturpreisträger

Ich will ja nicht prahlen, aber ich habe schon ganze Abende mit einem Nobelpreisträger verbracht. Gut, es waren noch ein paar hundert andere Bob-Dylan-Fans im Saal und an einem der beiden Konzertabende offensichtlich auch einer, dessen Anblick Dylan nicht ertragen konnte. Deswegen hat er den Großteil des Abends mit dem Rücken zum Publikum gesungen. Und die Bühne genauso grußlos verlassen, wie er sie zuvor betreten hatte. Der große Pop-Poet ist halt kein Mann leerer Floskeln á la "Ich liebe Wien!" oder "Ihr seid das beste Publikum". Schon dafür gebührt ihm der Literatur-Nobelpreis.

Dass er nie zum Telefon geht, wenn die Nobel-Jury anruft, ist so gesehen nur konsequent. Er schraubt vermutlich lieber an einer seiner Skulpturen aus Altmetall, als mit einer Schwedin zu telefonieren. Coolness kann man nicht kaufen. Andere würden ihre eigene Großmutter verkaufen, um irgendeinen Literaturpreis zu gewinnen. Und sei es nur der für den schlechtesten Text – um diesen rittern tatsächlich Jahr für Jahr manche Hobby-Literaten in Villach.

Andere träumen vom direkten Aufstieg in den Bestseller-Himmel. Sie tippen sich die Finger wund, schicken Manuskripte an Verlagshäuser, die das fertige Werk über den Globus verteilen sollen. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Neo-Autor vom Verleger eine Absage kassiert, ist überschaubar. Das liegt daran, dass die meisten Verlage keine "Leider-Nein"-Briefe verschicken. Das würde nämlich ausarten. Manche bekommen hunderte Einsendungen – pro Woche.

An Nachschub mangelt es trotzdem nicht. Allein im deutschsprachigen Raum drängen jährlich 90.000 Neuerscheinungen auf den Markt. Dazu kommen jene, die ihr Glück im Eigenverlag suchen. Hat ja bei 50 Shades of Grey auch funktioniert – den Erotik-Schinken, den zunächst auch kein Verleger angreifen wollte.

"People are crazy and times are strange", murrt Bob Dylan. Nicht in Richtung Nobel-Jury, sondern in seinem Song "Things have changed". Vielleicht sagt er das auch, wenn er dann doch einmal sein Telefon abhebt ...

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