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05.12.2011

Mit Freude, nicht Mitleid

Natürlich drehen sich meine traditionellen Weihnachtsgedanken heuer um die Welt. Wo ich es doch selber auch tue. Frohes Fest!

Mir ist vor Weihnachten ein Licht aufgegangen. Nicht wegen der blinkenden Armada, die überall auf dem amerikanischen Kontinent im kitschigen Dezember auf einen einleuchtet. Zwischen den roten, grünen und weißen Megawattbirnen eröffnete sich mir nämlich ein leises Licht.

Es war in Peru. Wie überall in Lateinamerika wollen dir dort Kinder alles Mögliche verkaufen, von Obst bis zu schlecht geknüpften Armbändern. Sie haben dabei traurige Augen und verstecken ihre Armut nicht. Anfangs kaufst du ihnen etwas ab, aus Mitleid. Sie stecken das Geld ohne Lächeln ein und sprechen den Nächsten an. Das ist nicht verwerflich, es ist ein Geschäft. Und weil es nie aufhört, kaufst du bald nicht mehr. Du hältst den flehenden Bitten stand, betest dein "No, gracias" immer und immer wieder. Du kannst nicht allen helfen und irgendwann geben sogar die Kinder in Lateinamerika auf. Als Carlos aufgab, ist es passiert: Nachdem der dreizehnjährige Geschäftsmann bei mir gescheitert war, setzte er sich zu einer Pause auf einen Stein. Zufällig war mir auch nach Rast. Und so saßen wir nebeneinander, Carlos aus Peru und Axel aus Wien. Er fragte, woher ich bin. Ich fragte, wie alt er ist. Anfangs plauderten wir, dann interessierten wir uns füreinander, schlussendlich blödelten wir. Er lachte, ich lachte, wir lachten gemeinsam. Bevor er sich wieder an sein Geschäft machte, kaufte ich ihm noch ein Armband ab. Und als ich ihm nachsah, entflammte dieses Licht. Plötzlich wusste ich, warum wir Weihnachten nicht abschütteln können. Wir jammern über Weihnachten und den Stress, wir fürchten uns vor Weihnachten und den Besorgungen, wir leiden unter Weihnachten und dem Pflichtprogramm. Aber auch wenn es vereinzelt Verweigerer gibt, werden wir Weihnachten nicht los.Ich kaufte Carlos das Armband nicht ab, weil armer Bub, traurige Augen, schmutzige Hände. Mein Mitleid hatte er im fröhlichen Geplänkel verspielt. Ich nahm die Person wahr, die in der ärmlichen Haut steckt. Weihnachten ist eine Mitleids-frei Zone. Deshalb findet es statt, nicht nur im Kalender. Jeder wünscht ein gutes Fest, jeder schenkt und packt aus. Jede Umarmung, alle guten Wünsche und die vielen Geschenke entspringen Sympathie, Zuneigung oder Liebe zu den Menschen rundum. Jaja, manchmal aus einem Muss-Druck heraus. Aber nie aus Mitleid.Weil ich Carlos mochte, wollte ich ihm eine Freude machen. Sein glückliches Gesicht hat mir gefallen. Freilich, wir sind unbeholfen zu Weihnachten, verschenken Unnötigkeiten und wünschen Floskeln. Aber noch nie hat ein Kind seinem Vater eine kreative Krawatte aus Mitleid geschenkt, kein Ehemann seiner Frau einen Mixer, weil sie ihm leid tut. Kein Karpfen und keine Gans kamen je auf den Tisch, weil man die Gäste bedauert. Und ich glaube, sogar die Spenden zu Weihnachten kommen mehr von Herzen als sonst.Eigentlich ist Weihnachten wie einem Straßenkind etwas abkaufen, weil wir seinen Namen kennen. Weil es uns sympathisch ist. Weil wir uns gegenseitig anlächeln. Meine Erkenntnis ging mit mir durch: Weihnachten ist so unsterblich, weil wir da, einmal im Jahr kein schlechtes Gewissen brauchen, um aufmerksam zu sein. Wir dürfen Freude machen, wem wir wollen. Weil wir wollen. Mit Freude, nicht mit Leid. Das kommt von innen, nicht von den Umständen.Ich wünsche uns allen ein freudiges Weihnachtsfest, das ohne Mitleid auskommt. Besonders nach einem Jahr, in dem jeder von jemandem hörte, dem es nicht gut ergangen ist. Und mehr denn je wünsche ich uns ein gutes neues Jahr. Lassen Sie es sich gut gehen!Carlos hat das Geld eingesteckt. Er hat dabei gelächelt. Und mir eine gute Reise gewünscht.