Kiwis sind freundlich. Wien ist anders.

Foto: KURIER.at/halbhuber

Vom anderen Ende der Welt betrachtet, schaut Wien ganz anders aus. Aber das kannst du den Neuseeländern partout nicht erklären.

Jüngst fragte der Schürzenträger hinter der FastFood-Theke in Wellsford, während er mein Sandwich richtete: "Und, wie war Ihr Tag so?" Als lebenslanger Wiener trifft dich bei so einer Frage der Schlag des Misstrauens, weil was will der von mir? Ein andermal fragte die Supermarkt-Kassiererin beiläufig: "Wo seid ihr denn her? Ah, Österreich, das soll schön sein." Ehrlich: Wenn mir das in Wien passiert, bekomme ich es mit der Angst.

Foto: KURIER.at/halbhuber

Die Neuseeländer sind freundlich, jeden Tag stolpert man über auffallende Freundlichkeit. Nein, nicht die gespielte, die ehrliche. Die "wir könnten jetzt auch schweigen während ich den Salat zwischen deine Brötchenhälften klatsche, aber das ist doch auch irgendwie eigenartig" Freundlichkeit. Am Anfang ist mir das nur aufgefallen, gestern ist mir dann zufällig eine sympathische Wienerin begegnet. Ich konnte wieder einmal über meine Stadt reden, aber ordentlich. Nicht "and we have a very fancy coffeehouse tradition, the city shows a lot of culture and yes, of course, the world calls us the heart of music". Sondern eher "was, der Navratil-Heurigen hat zugesperrt, na geh, der hatte so ein gutes Verhackerts. Und das Platzerl davor ist so schee." Vollmond war bei dem Gespräch auch, also sind die sympathische Wienerin und ich ins Sinnieren gekommen, wieso eine neuseeländische Billa-Verkäuferin beim Austauschsemester in Wien alle Kunden schrecken würde. Mit ihrer Freundlichkeit. Aber das erspare ich Ihnen.

Foto: KURIER.at/halbhuber

Am nächsten Tag habe ich im Frühstückslokal die hiesige Zeitung The Aucklander gelesen. Und siehe da, Österreich kam vor: "The cellar girl misses her monster." Natascha Kampusch habe das Haus gekauft, in dem sie gefangen gehalten worden war. Und, Teufel aber auch, darüber wundern sich die Neuseeländer. Als dann die Kellnerin beim Kassieren gefragt hat, ob ich vergangene Nacht eh gut geschlafen habe, ging das Denken wieder los. Und das kann ich Ihnen nicht ersparen.

Foto: KURIER.at/halbhuber

Es könnte an der Jugend liegen, habe ich mir zuerst gedacht. Die neuseeländischen Inseln wurden erst ab dem 13. Jahrhundert besiedelt. Mit den Europäern kam das Land erst um 1800 in innigen Kontakt. Da könnte man meinen, aha, alles in allem noch ein bisserl jungfräulich. Andererseits ist Jugend meistens rotzfrech statt freundlich.

Es könnte an der Isolation liegen, die Hauptinseln (Nord- und Südinsel, daneben zählt Neuseeland rund 700 kleine Inseln) liegen fast 2000 Kilometer von Australien entfernt. Da kommen natürlich wenige Menschen auf der Durchreise vorbei, nur die bewussten Besucher. Andererseits führt Isolation ja nicht unbedingt zu Weltoffenheit, ganz freiheitlich gedacht.

Es könnte an der Tatsache liegen, dass die einzigen heimischen Säugetiere ursprünglich zwei Fledermausarten waren. Keine Bären, Löwen, Hunde, Pferde, Mäuse. Nix. Nur Insekten, Vögel und zwei Fledermausarten. Alles andere ist importiert. Ja, auch die Schafe. Und vielleicht treiben einem die Säugetiere das Freundliche aus, weil Wölfe ja nicht mit sich reden lassen.

Ich bin nicht draufgekommen, ehrlich nicht.

Foto: KURIER.at/halbhuber

Aber abgeglitten bin ich im Denken. Gedanklich wieder nach Wien gerutscht, an die Supermarktkassa. Und lächeln habe ich müssen, als ich vor dem inneren Auge das grantige Gesicht eines Taxlers sah, der schnauft, weil ich das Fenster runterkurble, um den Wunderbaum aus dem Auto zu scheuchen. Als mir der Kellner in meinem Einsercafé einfiel, der gar nicht gerne zweimal geht, ist es mir eingeschossen wie der Achtunddreißiger ins Jonas-Reindl: Das Authentische. Wir haben das Kerzengerade, das Michlhafte, das Authentische. Wie ich das meine? Ganz einfach: Wenn mich was aufregt, ärgert, mir zuviel wird und ich will, dass sich jemand gediegen schleicht, passt "Hau dich über die Häuser" einfach besser als "Would you mind finishing this talk".

Andererseits: Wie soll man das jemandem erklären, der ein Kidnapping-Opfer nicht versteht, das in sein Gefängnis zurückzieht?

Die Route bisher: Wien - Madrid (Spanien) - San José (Costa Rica) - Tortuguero - Puerto Viejo - Manzanillo - Vulkan Arenal - Monteverde - San Juan del Sur (Nicaragua) - Isla Ometepe - Granada - SOS Kinderdorf Santa Ana (El Salvador) - Quezaltenango (Guatemala) - Puerto Arista (Mexiko) - Oaxaca - Mexiko City - Lima (Peru) - Paracas - Nasca - Arequipa - Puno/Titicacasee - Isla Amantani - Cusco - Machu Picchu - Lima - Punta Arenas (Chile) - Tierra del Fuego, chilenischer Teil - Ushuaia (Argentinien) - Isla Carlos III. (Chile) - Puerto Natales - Torres del Paine - El Calafate (Argentinien) - Buenos Aires - Mendoza - Valparaiso (Chile) - Santiago de Chile - Auckland (Neuseeland) - Wellsford - Ngunguru - Tutukaka - Kawakawa - Paihia - Kaitaia - Cape Reinga - Matakohe - Tauchkurs in Tutukaka - Peninsula Coromandel, nächstes Ziel: Südinsel.

Schnäppchen dieser Tage: Der Open Water Diver-Kurs bei Dive! Tutukaka war der teuerste unter allen, die ich verglichen habe. (695 NZ Dollar, rund 350 Euro, andere gab es um rund 600). Aber: Es waren zwei Tauchtage auf den Poor Night Islands, dem besten Revier dieses Staates, dabei. Die Organisation, Ausrüstung und Kompetenz war großartig. Es war jeden Cent wert.
Nepp dieser Tage: Mir ist nicht ganz klar, wieso in Lateinamerika jedes Beisl WiFi for free anbietet und das Funk-Internet hier nur gegen Bares, dafür mit Zeit- und Datenlimit verfügbar ist. Da sieht man mal, wer da von wem lernen kann.

(kurier / Axel N. Halbhuber) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?