H‘hubers Weltreise: Zeitmaschine

Bukhara
Foto: KURIER.at/halbhuber

Manchmal wird Geschichte an einem Ort so lebendig, dass man ganz deppert wird. Mich hat es in Bukhara und Khiva erwischt.

Was dem Reisenden in Bukhara und Khiva passiert, ist schwer zu fassen. Raum und Zeit vermischen sich, die geografische Reise in die beiden Städte südlich und nördlich der Kyzylkum-Wüste wird zu einer historischen. Die Kerne dieser orientalischen Siedlungen der Seidenstraße wurden erhalten oder vergessen. Es sind Karl May-Kulissen, aber sie sind echt. Der Reisende sieht Dinge, die nicht sind, zweifelt an den Gerüchen des Basars. Und beißt im nächsten Moment in eine süße Feige. Es schlägt auf den Reisenden ein wie eine tausendjährige Ohrfeige. Man weiß bald nicht mehr, was echt ist, greift die Stadtmauer aus Erde an, die Hände werden schmutzig. Man spricht mit den Menschen in ihren altertümlichen Kleidern, will sie angreifen. Sie lächeln und dabei blitzen Goldzähne.
Und bald ist einem egal, ob es heute passiert oder damals.

Bukhara Foto: KURIER.at/halbhuber Bukhara

So setzte ich mich im Schatten einer Medressa auf den Steinboden. Die Sonne war grell und trotzdem nahm ich meine Sonnenbrille ab und steckte sie in den Kragen meines Shirts. Ich wollte das Bild nicht verfälschen, der Platz war zu schön. Alle Häuser waren braun, die Wände aus Lehm, das eingearbeitete Stroh wie ein unregelmäßiges Muster. Die geraden Oberkanten der flachen Gebäude schnitten den Himmel ab. Brauntöne und wolkenloses Blau, nur die türkise Kuppel der Moschee ein Klecks, sonst war das Bild kompromisslos zweifärbig. Das Licht blendete mich, ich kniff die Augen zusammen, wodurch die Konturen noch klarer wurden. Die Hitze drückte und irgendwann schlossen sich meine Augen und ich döste ein.

Bukhara Foto: KURIER.at/halbhuber Bukhara

Der Platz war voller Verkäufer und Käufer, getrennt durch pralle weiße Säcke, die bis zum Inhalt umgekrempelt waren. Zehn Sorten Reis sah ich in ihnen, rote und gelbe Gewürze, Pfefferkörner. Rechts von mir standen Männer, zwei im Schatten, einer in der Sonne. Sie sprachen miteinander, worüber weiß ich nicht. Einer hielt in einer Hand geröstete Kerne, steckte mit der anderen je einen in den Mund, öffnete ihn mit den Zähnen, spuckte die Schale aus. Während dieser wiederkehrenden Bewegung hatte er immer den Torbogen im Blick, das den Platz begrenzte.

Bukhara Foto: KURIER.at/halbhuber Bukhara

Durch das Tor schritten plötzlich Kamele, geführt von Männern in schwarzen Stiefeln. Die drei Männer neben mir gingen auf sie zu, begrüßten die Karawane: "Salom alaykhum", "Valeykhum assalom". Umarmungen, Schulterklopfen, Wangen berührten einander. Sie begannen zu reden, worüber weiß ich nicht. Vielleicht hatte es Probleme in der Wüste gegeben, Hyänen oder Räuber. Oder die Hitze. Einer erzählte aufgeregt, die anderen hörten zu, schließlich lachten aber alle.

Ich öffnete die Augen. Die Kamele waren nicht zu sehen, aber Männer. Sie gingen in ein schattiges Eck, sie setzten sich auf niedrige Schemel und einer schenkte Tee in die Schalen. Mich blendete die Sonne nun stärker, weil die türkise Kuppel sie reflektierte.

Bukhara Foto: KURIER.at/halbhuber Bukhara

Ich stand auf und ging los. Ohne Ziel, durch eine Gasse, durch eine andere. Den Plan hatte ich im Rucksack. Ich folgte einem Buben, der zwei schwarze Schafe an der Leine führte, bis er beide in einen Hauseingang zog. Erst jetzt sah ich das dicke Minarett. Sein Durchmesser betrug gut acht Meter, es sah ganz anders aus als alle anderen Minarette. Der Herrscher ließ es bauen, um von seiner Spitze von Khiva bis Bukhara sehen zu können. Als er starb, hörte man zu bauen auf. Das Minarett blieb zu klein für seine Dicke und die Kyzylkum-Wüste unüberschaubar. Es hätte ohnehin nie geklappt, Khiva liegt fast 400 Kilometer von Bukhara entfernt.

Bukhara Foto: KURIER.at/halbhuber Bukhara

Ich begegnete dem kleinen Mann, der mir am Tag davor zehn Kamele für meine Freundin geboten hatte. Sein Schnauzbart zitterte, als er mich erkannte. "Salom alaykhum", "Valeykhum assalom", eine Umarmung. Vielleicht trug er einen Dolch, jedenfalls schwarze Stiefel und die bunt verzierte, kappenartige Kopfbedeckung, die hier jeder Mann trägt. Er ließ mich nicht mehr los und wir traten in sein Haus. Der niedere Rahmen der Holztüre steckte verzogen in der Mauer, ich musste mich bücken, er nicht. Wir saßen auf Teppichen auf dem Boden, wir aßen das fettige Reisgericht Plov. Wir sprachen über die Karawane und dass es in der Wüste Probleme gegeben haben musste. Die Räuber würden immer gefährlicher, erzähle man sich in der Karawanserei.

Bukhara Foto: KURIER.at/halbhuber Bukhara

Auf dem Platz spielten Buben. Sie traten einen Fußball oder den Kopf einer Ziege. Die Mädchen knüpften Bänder. Zwei von ihnen schöpften Wasser aus einem Loch am Boden. Vor dem Haus kehrte ein Mädchen die Straße, sie war gebückt, denn der Besen hatte keinen Stiel. Als ich vorbeiging hob sie den Kopf und lächelte mich an. Ihre schwarzen Haare leuchteten unter dem Rand ihres Kopftuches hervor. Zwei Häuser weiter kniete eine Frau vor dem Eingang auf einem Teppich und bürstete den Schaum ein. Der Teppich brauchte fast die ganze Straße und ich musste mich an den Rand drängen, um vorbeizugehen.

Bukhara Foto: KURIER.at/halbhuber Bukhara

An der Kreuzung der zwei großen Straßen machte ich Rast. Sie ist mit einer großen Lehmkuppel überdacht, darunter sind Verkaufsstände, kitschige Souvenirs und Reiseführer in allen Sprachen. Unter diesen Kuppeln ist es kühl, weshalb solche Kreuzungen in Bukhara belebte Orte sind. Ich stellte mich zu dem niedrigen Tischchen, auf dem zwei Alte ein Spiel spielten, das wie Backgammon aussah, aber anders funktionierte. Ich verstand das Spiel nicht, blieb aber stehen. Und beschloss, mir auch an diesem Tag nicht das Ticket für die Altstadt zu kaufen. Man braucht es nicht, wenn man nur herumwandert, sondern nur um in die Museen zu kommen. Und in die Museen wollte ich nicht, sie zeigen nichts Besonderes.

Ich setzte mich zu einem Tee und süßte ihn mit Rosenmarmelade. Tags darauf machte ich eine der Touren zu den Ruinen der Burgen rund um Khiva, ins Elliq-Qala. Wie es mir dort ging, ist unbeschreiblich. Wüstenschlösser vergangener Tage. Es fühlte sich an wie eine Zeitreise.

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Die Route bisher: Wien - Madrid (Spanien) - San José (Costa Rica) - Tortuguero - Puerto Viejo - Manzanillo - Vulkan Arenal - Monteverde - San Juan del Sur (Nicaragua) - Isla Ometepe - Granada - SOS Kinderdorf Santa Ana (El Salvador) - Quezaltenango (Guatemala) - Puerto Arista (Mexiko) - Oaxaca - Mexiko City - Lima (Peru) - Paracas - Nasca - Arequipa - Puno/Titicacasee - Isla Amantani - Cusco - Machu Picchu - Lima - Punta Arenas (Chile) - Tierra del Fuego, chilenischer Teil - Ushuaia (Argentinien) - Isla Carlos III. (Chile) - Puerto Natales - Torres del Paine - El Calafate (Argentinien) - Buenos Aires - Mendoza - Valparaiso (Chile) - Santiago de Chile - Auckland (Neuseeland) - Wellsford - Ngunguru - Tutukaka - Kawakawa - Paihia - Kaitaia - Cape Reinga - Matakohe - Tauchkurs in Tutukaka - Peninsula Coromandel - Auckland - Taupo - Napier - Wellington - Fähre auf die Südinsel - Picton - Takaka - Kaiteriteri - Punakaiki - Arthur's Pass - Christchurch - Twizel - Aoraki/Mount Cook - Dunedin - Te Anau - Milford Sound - Queenstown - Wakana - Franz Josef - Hanmer Springs - Kaikoura - Fähre auf die Nordinsel - Paraparaumu - National Park - Tongariro Crossing - Whanganui - Wellington - Rotorua - Auckland - Sydney (Australien) - Blue Mountains - Cairns - Great Barrier Reef - Cape Tribulation - Sydney - Tokyo (Japan) - Kyoto - Hiroshima - Osaka - Hongkong (China; selbstverwaltete Region) - Macao (China; sR) - Ho Chi Minh City/Saigon (Vietnam) - Cu Chi-Tunnels - Nha Trang - Motorradtour durch das zentrale Hochland (Buon Ma Thout, Kon Tum, Tac Glei) - Hoi An - Hue - Hanoi - Halong Bay - Ninh Binh - Tam Coc - Savannaketh (Laos) - Pakse - Bolaven Plateau - Champasak - Si Phan Don Islands/Don Kong Island - Kratie (Kambodscha) - Phnom Penh - Sihanoukville - Battambang - Siem Reap - Bangkok (Thailand) - Delhi (Indien) - Agra - Varanasi - Lumbini (Nepal) - Pokhara - Kathmandu/Kathmandu Valley (Patan - Boudhanath - Jorpati - Bhaktapur) - Almaty (Kasachstan) - Medeu/Kasach. Alatau - Issyk Lake - Bishkek (Kirgistan) - Tokmok - Taldy Bulak - Jurte/Kirg. Alatau - Naryn - Reiten in Tash Rabat - Bokonbayevo/See Issyk-Köl - Karakol - Jeti Öghüz - Cholpon Ata - Grigorievka/Ak-Suu Tal - Bishkek - Tashkent (Usbekistan) - Samarkand - Bukhara - Kyzylkum Wüste - Khiva - Elliq-Qala/Fort Ayaz-Qala - Tashkent, nächstes Ziel: Shymkent (Kasachstan).

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Schnäppchen/Nepp dieser Tage: Die Währungs- und Wechselkurspolitik Usbekistans wird man lieben oder hassen, je nachdem wo man ihr begegnet. Bankomaten existieren nicht (ich sah noch keinen), man kann bei einigen Banken mit manchen Kreditkarten (bei welcher Bank mit welcher Karte, wechselt) Bargeld abheben. Aber auch nicht immer, manchmal sagen sie: Kein Geld mehr. Am besten ist, mit vielen Dollars (und/oder Euros) einzureisen, aber nicht mit mehr als man deklarieren darf (weil der Rest bei der Kontrolle sonst nämlich weg sein kann). Diese Dollar wechselt man dann. Natürlich nicht zum offiziellen Kurs in der Bank, der liegt gerade bei rund 1630 Sum für einen US-Dollar und rund 2100 für einen Euro. Sondern am Schwarzmarkt, den findet man leicht, mir hat den Weg ein Polizist gewiesen. Diese verbotene (daher "Schwarzmarkt"), aber durchaus anerkannte und scheinbar im hiesigen Wirtschaftssystem berücksichtigte Alternative zu den Banken wechselt zu variablen (und verhandelbaren) Kursen ohne Gebühren, derzeit zwischen 2000 und 2200 Som pro Dollar und bis zu 2800 pro Euro).
Meinen Plan, am Schwarzmarkt zum Kurs 1:2100 Dollar in Sum zu tauschen und dann diese Sum bei der Bank zum Kurs 2100:1 in Euro (womit ich aus einem US-Dollar einen Euro machen könnte), habe ich wieder verworfen, denn Devisen geben die Usbeken nicht mehr aus der Hand. Irgendwie klar, der Sum wackelt seit Jahren, da weiß man heute nicht, was man morgen dafür bekommt.
Aber, und damit kommen wir zur Frage: Wenn nun die Usbeken wie verrückt den Touristen die Dollares und Euronen abkaufen, zu halsbrecherischen Kursen, diese Devisen aber horten: Woher nehmen sie die nötigen Sum? Wir sprechen von Schwarzmärktlern, die Sum säckeweise zum Geschäft bringen. (Denn zu allem Überfluss ist die größte Banknote hier ein Tausender. Macht im Tauschhandel für eine 100 US-Dollar-Note 200 Tausender oder 400 Fünfhunderter (siehe Bild). Woher kommt dieses Geld? Irgendwas müssen die Usbeken doch in rauen Mengen mit Dollars kaufen und dann wieder für Sum verkaufen. Aber: Was?

Bukhara Foto: KURIER.at/halbhuber Bukhara

Zwei Dinge noch: Wer in Khiva ist, sollte auf die Tour ins Elliq-Qala("Fünfzig Forts") nicht verzichten. Und eine Nacht in den Jurten bei Ayaz-Qala ist sehr empfehlenswert - Wüste, Sternenhimmel, See. Mir tat es ausgesprochen leid, nur auf Kurzbesuch dort zu sein.

Ich möchte mich entschuldigen, bei Chor-Bakr (eine Nekropolis/ein Friedhof bei Bukhara) und Turkmenistan. Mein Magen ist derzeit angeschlagen und ich musste hinter einem Mausoleum im Gras mein Geschäft verrichten. Ich hatte nur den Lonely Planet dabei. Und die Seiten von Turkmenistan brauche ich ja nicht.

(kurier / Axel N. Halbhuber) Erstellt am
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