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05.12.2011

H‘hubers Weltreise: Über Leben

Die traurigste Geschichte erzählen Details. Kambodscha hat viele davon. Trotzdem leben die Menschen hier gerne. Weil sie den Tod kennen.

Die Rote Khmer hat sich selber nie so genannt. Die fundamentalkommunistische Organisation, die in Kambodscha zunächst im Untergrund gegen eigene Regierung und Amerikaner kämpfte und nach dem Sieg 1975 eines der grauslichsten Regime aller Zeiten etablierte, nannte sich Angka: die Familie. Den Namen Rote Khmer erfand König Sihanouk. Hätte er die Zukunft gekannt, wäre der Name schrecklicher ausgefallen. Angka tötete zwei Millionen Menschen. Und die Welt war nicht einmal dagegen. Aber Kambodscha ist noch immer wunderschön. Und die Kambodschaner lachen. Wieder.

Mit dem remorque-moto, einer Art Moped-Fiaker, fährt man rund 30 Minuten von Phnom Penhs Zentrum zu den Killing Fields von Choeung Ek. Als die Rote Khmer 1975 damit begannen, die Stadt zu säubern, brachten sie Gefangene in LKWs hierher. Es war immer in der Nacht und die Hauptstadt war schon recht leer: Das misanthrope Regime setzte seine Idee eines Agrarkommunismus gegen die Menschen im Land durch und vertrieb die Bevölkerung auf die Felder. Die Zwei-Millionen-Stadt Phnom Penh war bald eine Geisterstadt. Fabriken, Schulen, Krankenhäuser wurden geschlossen.

Heute sind die Straßen voll. Mönche in orangen Gewändern sammeln Essens-Gaben ein. Schulkinder in weißen Uniform-Oberteilen und mit zu großen Rucksäcken gehen am Straßenrand nach Hause. Mopedfahrer überholen waghalsig, Verkäufer schlichten Obst. Um 1975 getötet statt aufs Land vertrieben zu werden, musste man der Familie nicht widersprechen. Es reichte die Kenntnis einer Fremdsprache. Oder ein Universitäts-Abschluss. Wer einen Verwandten hatte, der gebildet oder suspekt war, wurde auch getötet. Wer sich auf den Feldern zum 12 Stunden-Dienst verspätete, wurde wegen Sabotage und Verrat getötet. Die Babys der Opfer wurden ermordet, weil sie die künftigen Rächer ihrer Väter sein könnten. Und zunehmend wurden Mitglieder der Roten Khmer getötet, weil das Regime Angst hatte. Der Finger am Abzug zitterte ständig. Insgesamt töte die Familie rund zwei der sieben Millionen Kambodschaner oder ließ sie an Unterversorgung sterben. Das Choeung Ek war eines von 343 Kiling Fields. Hier wurden rund 17.000 Menschen hingerichtet. Das größte Massengrab hier fasste 400 Leichen. Im Mahnmal sind hunderte Schädelknochen aufgetürmt. Aber die großen Zahlen bedrückten mich nicht am schlimmsten.

Ich stellte mir die Ankunft eines einzelnen Transports vor. Einen Mann, getrennt von seinen Kindern. Er wird in eine Baracke geprügelt, weil man heute im Verzug mit den Hinrichtungen ist, selten wurden die Ankommenden nicht gleich getötet. In der Baracke sitzen andere Männer, fast nackt. In ihren Gesichtern sieht der Mann, was hier geschieht. Sie hatten die Schreie schon gehört. Die dunkle Baracke ist aus groben Brettern, Holzsplitter bohren sich in das Fleisch, in dem solche Wunden nicht mehr auffallen. Die Bretter haben sich längst mit Urin, Schweiß und Blut vollgesogen.Einer der Roten Khmer bringt fünf Babys zu einem Baum, der heute Todesbaum heißt. Sein Vorgesetzter nimmt das erste, schlingt nur eine Hand um beide Knöchel, es baumelt vor seinen Augen, verschluckt sich an den eigenen Tränen, am Rotz. Der Henker zieht seinen Arm nach hinten, das Kind schwingt mit und schreit. Einen Bruchteil später zerplatzt der Kopf des Kindes am Baum. Plötzlich dringt kein Schrei mehr in die Baracke.Die Rote Khmer versuchte Kugeln zu sparen. Sie prügelten Menschen zu Tode. Zerschnitten sie mit den gezackten Blättern von kleingewachsenen Palmen. Es musste Stunden dauern, bis sich das scharfe Blatt oft genug in das Fleisch gebohrt hatte. Sie begruben Verwundete lebendig. Die meisten Opfer dieses Killing Fields waren davor im S 21-Sicherheitsgefängnis von Phnom Penh, heute das Tuol Sleng-Museum. Das Gebäude war vor 1975 eine Schule, heute ist es ein beeindruckender Platz der Erinnerung, der ohne Special Effects auskommt. Hier scheint nichts verändert worden zu sein und gerade das macht die Angst präsent. Ich mochte hier nichts angreifen, keinen Gitterstab, nicht den Stacheldraht vor den Zellen. Ich sah die Hand des zu Tode gequälten, als er die Erlösung darin sucht, sich durch den Stacheldraht zu quetschen, um aus dem dritten Stock zu springen. Nur kleine Schnitte auf einem durch Stromschläge verbrannten Körper.Man braucht Regime nicht zu reihen, wonach denn auch? Die Rote Khmer gehörte zur ungereihten Elite: Nazis, Stalin, Saddam Hussein, US-Geheimoperationen, europäische Kolonialherren. Wo man keine Antworten findet, kommen Fragen:Wann haben wir das alles hinter uns?

Den Kambodschanern tat die Welt erst gar nicht den Gefallen, diese Geschichte abzuschließen. Zwar befreite Vietnam Ende 1978 das Land. Es folgten zehn Jahre Besatzung und Bürgerkrieg gegen die Rote Khmer im Untergrund. Diese wurde noch lange von der halben Welt als offizielle Regierung anerkannt. Nein, nicht von der bösen Hälfte: Die UNO legitimierte sie, die USA belieferte sie im Untergrundkampf. Die britische Premierministerin Thatcher nannte die Führer der Roten Khmer "ehrenhaft" und ließ UK-Specialforces ihnen zeigen, wie man Minen legt. Bis vor kurzem saßen einst ranghohe Rote Khmer in Regierungsämtern. Andere starben vor kurzem im gemütlichen Exil. Erst 2009 wurde der Prozess eröffnet. Der letzte Lebende der Dreier-Führungselite, Kaing Guek Eav genannt "Duch", ist bis heute nicht verurteilt. Er hatte einst die Knöchel der Babys in der Hand. Und die Kambodschaner leben damit. Mit der Geschichte, mit der Armut, mit einer der höchsten HIV-Quoten der Welt. Sie können lachen, sie sind offenherzig, freundlich, höflich, hilfsbereit. Sie sitzen mit Freunden in der Kneipe und trinken Angkor Bier. Sie blödeln mit ihren Kindern und nehmen sie in den Arm. Sie arbeiten, sie lieben, sie schlafen. Sie bauen etwas auf. Sie führen zufrieden ihr einfaches Leben. Denn sie führen ein Leben.

Die Route bisher: Wien - Madrid (Spanien) - San José (Costa Rica) - Tortuguero - Puerto Viejo - Manzanillo - Vulkan Arenal - Monteverde - San Juan del Sur (Nicaragua) - Isla Ometepe - Granada - SOS Kinderdorf Santa Ana (El Salvador) - Quezaltenango (Guatemala) - Puerto Arista (Mexiko) - Oaxaca - Mexiko City - Lima (Peru) - Paracas - Nasca - Arequipa - Puno/Titicacasee - Isla Amantani - Cusco - Machu Picchu - Lima - Punta Arenas (Chile) - Tierra del Fuego, chilenischer Teil - Ushuaia (Argentinien) - Isla Carlos III. (Chile) - Puerto Natales - Torres del Paine - El Calafate (Argentinien) - Buenos Aires - Mendoza - Valparaiso (Chile) - Santiago de Chile - Auckland (Neuseeland) - Wellsford - Ngunguru - Tutukaka - Kawakawa - Paihia - Kaitaia - Cape Reinga - Matakohe - Tauchkurs in Tutukaka - Peninsula Coromandel - Auckland - Taupo - Napier - Wellington - Fähre auf die Südinsel - Picton - Takaka - Kaiteriteri - Punakaiki - Arthur's Pass - Christchurch - Twizel - Aoraki/Mount Cook - Dunedin - Te Anau - Milford Sound - Queenstown - Wakana - Franz Josef - Hanmer Springs - Kaikoura - Fähre auf die Nordinsel - Paraparaumu - National Park - Tongariro Crossing - Whanganui - Wellington - Rotorua - Auckland - Sydney (Australien) - Blue Mountains - Cairns - Great Barrier Reef - Cape Tribulation - Sydney - Tokyo (Japan) - Kyoto - Hiroshima - Osaka - Hongkong (China; selbstverwaltete Region) - Macao (China; sR) - Ho Chi Minh City/Saigon (Vietnam) - Cu Chi-Tunnels - Nha Trang - Motorradtour durch das zentrale Hochland (Buon Ma Thout, Kon Tum, Tac Glei) - Hoi An - Hue - Hanoi - Halong Bay - Ninh Binh - Tam Coc - Savannaketh (Laos) - Pakse - Bolaven Plateau - Champasak - Si Phan Don Islands/Don Kong Island - Kratie (Kambodscha) - Phnom Penh - Sihanoukville, nächstes Ziel: Siem Reap.Schnäppchen dieser Tage: Ich saufe ja beim Reisen kaum. Aber der Kübel voll Gin & Tonic um drei Euro kann nicht unerwähnt bleiben. Ein Glas kostet 1,20.Nepp dieser Tage: Der wunderbare Strandort Sihanoukville rüstet sich für die Zukunft. Heute ist er verschlafener als Thailand, die Inseln vor der Küste teils unentdeckt. Der Rhythmus ist gut, die Geschäftemacher weniger aufdringlich als in Vietnam, das Meer dafür viel sauberer. Und doch ahnt man, was da kommt, wenn man etwa in dem Einser-Tauchshop des Ortes nach einer Zweitagestour fragt: 275 US-Dollar (rund 240 Euro, danke Griechenland). Das ist mehr als in Australien beim Great Barrier Reef. Als ich fassungslos den Preis ansprach, lächelte der Franzose, der den Laden schupft. Er weiß, dass er damit heute in Kambodscha kaum Kunden finden wird. Aber morgen.