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05.12.2011

Hhubers Weltreise: Reisende, Hauptteil

Ich wollte jüngst von Franzosen erzählen, die mit dem Beiwagen-Bike in die Mongolei fahren. Here we go. Oder eigentlich: Voilá.

Der Anfang dieser Geschichte ist nicht leicht, ich muss einiges vorab erklären. Der Hauptteil wird von den zwei Franzosen Laurent und Charles handeln, die auf russischen Beiwagen-Motorrädern von Moskau in die Mongolei fahren. Natürlich der Gaudee wegen, aber auch weil sie mit jedem zurückgelassenen Kilometer einen Euro für drei SOS-Kinderdörfer entlang der Route sammeln. Und weil sie eines verstorbenen Freundes gedenken, der eigentlich dabei sein sollte. Dessen verwitwete Verlobte Elisabeth wird vorkommen und blanker Zynismus über russische Bauart. Am Ende der Geschichte werde ich einen stillen Gruß an alle Reisenden senden, die mich mit ihren Geschichten seit zehn Monaten überwältigen. Aber eben der Anfang.

Denn eigentlich liegt der Anfang im SOS-Kinderdorf Moosburg nahe Klagenfurt, bei Kaffee und zwei Marlboro. Ich hatte dort zu Ostern 2009 ein Interview mit dem SOS-Präsidenten Helmut Kutin und nach einer halben Stunde wurde er unentspannt. Er fragte: "Stört es, wenn ich rauche?" "Nein, ich rauche selbst." Er entspannte, bot mir eine Marlboro an. Ich sprach mit ihm über sein Netzwerk - von Dalai Lama bis afrikanische Könige - und seine Reiseverhalten: rund 220 Auslandtage pro Jahr. Dann Dominoeffekt: "Was machen Sie außer Interviews?" "Ich plane gerade Weltreise." "Besuchen Sie doch unsere Dörfer entlang ihrer Route!" Also war ich in den vergangenen zehn Monaten unter anderem Gast in den SOS-Kinderdörfern Santa Ana (El Salvador), Mexiko City, Cusco (Peru), Savannaketh und Pakse (Laos), Phnom Penh, Battambang und Siem Reap (Kambodscha) sowie Lumbini und Sanothimi (Nepal). Und hause nun in der Gästewohnung des Kinderdorfes Almaty. Anfang geschafft.

Nein, noch nicht ganz: Ich müsste noch vermitteln, wie wertvoll dieses Angebot im Nachhinein für mich ist. Müsste erklären, was es beim Langzeitreisen bedeutet, zwischendurch ein Zuhause zu haben. Selber kochen zu können, weil man eine Küche hat. Die Wäsche selbst in eine Waschmaschine legen und aufhängen zu können. Eine Haustüre zuzusperren, die Einkäufe in den Kühlschrank zu räumen. Heimweh auf einer Weltreise äußert sich überraschend oft in den Kleinigkeiten. Das Kinderdorf ist mir seit zehn Monaten Ersatz-Alltag. Das hat mit den SOS-Müttern zu tun, die mich in ihr Haus zum Essen im Kreis der Familie einladen. Ich schätzte die Arbeit dieses Vereins schon immer, aber wie sich die Heimat anfühlt, die er weltweit Kindern in Not gibt - das verstehe ich erst auf dieser Reise. Wieso ich denn dann noch nie davon erzählt habe? Ich wusste ja nicht, dass Sie davon hören wollen. Nehmen Sie als Versöhnungsangebot den Link am Ende dieser Geschichte.

Willkommen im Hauptteil! Auch er beginnt bei einem Kaffee, aber ohne Marlboro. Als ich gehört hatte, dass zwei Engländer gerade jetzt auf ihrem Fundraising-Motorradtrip in Almaty Halt machen, lud ich zum Brunch. Ja genau: Wieder etwas, das man nur Daheim machen kann. Ich bedachte also den Tisch mit einer Last an Frühstücks-Leckereien und saß schon eine Viertelstunde vor der vereinbarten Zeit in der, in meiner temporären Wohnküche. Es gab hier keine Pendeluhr, die in einer solchen Wartezeit gemächlich tackt, aber sie hätte zur Szene gepasst. Als sie in das Kinderdorf einbogen, waren sie erstens Franzosen statt Engländern und zweitens drei statt zwei. Dafür waren die Motorräder nicht wie erwartet geländetaugliche Enduros, sondern cremefarbene Beiwagenmaschinen. Ich stellte noch ein Gedeck zu den anderen und ließ mir erklären: Charles und Florent leben in London. Ihre Begleitung Elisabeth ist nur temporärer Besuch. Allerdings passe sie zur Reise, denn ihr Verlobter wäre der dritte im Bunde gewesen. Als er im Vorjahr starb, herrschte Trauer. Aber auch die endgültige Gewissheit, diesen Plan in die Tat umzusetzen. Ein Plan, der verworfen und ausgebaut wurde: Doch nicht von London aus, sondern von Moskau. Dafür nicht auf den geplanten Maschinen, sondern auf russischen Beiwagen-Motorrädern, auf denen der klingende Name Ural prangert. Bei der Besorgung direkt vom Werk und der Registrierung half wiederum Elisabeth, die in der französischen Botschaft Moskaus arbeitet. Was sich nicht geändert hat, ist die Motivation der Reise: Jeder der etwa 15.000 Kilometer könne von Spendern gegen einen Euro gekauft werden, das Geld bekommen die SOS-Kinderdörfer Almaty, Bishkek und Ulan Bator. Mittlerweile stehen die beiden bei 28.000 Euro und verkaufen hypothetisch Zeltplatz-Quadratmeter und und und.

Die Entscheidung für die russischen Fabrikate sei natürlich perfekt gewesen, erzählen sie. Die Menschen laufen herbei und wollen Fotos davon machen. Wichtiger noch: Die Polizisten reden bei Anhaltungen mehr übers Bike als übers Eingemachte, vergessen so gelegentlich das Bestechungsgeld. Als die beiden im Niemandsland zwischen Turkmenistan und Usbekistan schlafen mussten, weil die Grenzposten frühzeitig schlossen, hielten sie mit den schwenkbaren Scheinwerfern Kojoten auf Distanz. Die Maschinen seien zwar langsamer, aber dafür sei genug Platz fürs Gepäck. Und all das Lob ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Denn wieso Russlands Wirtschaft nur langsam in die Gänge kommt, werde einem auch klar, wenn man eine russische Maschine ab Werk kauft, sagen Charles und Florent. Als erstes sei der Lack abgegangen. Dann seien Teile wie die Halterung des Benzinkanisters abgebrochen. Und nach rund einem Monat sei keine Schraube am Gerät nicht nachgezogen, ausgetauscht oder als unbrauchbar abgeschrieben. Getriebe und Kupplung haben etwas von Geduldsspiel. Aber die beiden dachten beim Kauf vor allem an die Tatsache, dass man für ein russisches Modell in den Ex-Sowjetstaaten leicht Ersatzteile bekommt. Heute wissen sie, dass das nicht stimmt. Bei solchen Geschichten lachen die beiden das Lächeln der Unbesiegbaren. Um das alles gehe es nicht, sondern um die Reise, das Geld für einen guten Zweck und das Andenken an den Freund. Was können einem da ein paar Pannen anhaben? Oder das verwunderte Gesicht der Menschen, denen sie den Kaufpreis der Motorräder nennen: Anfangs haben sie 4000 Dollar gesagt. Weil sich da alle abhauten, sagten sie bald 3000. Jetzt seien sie bei 2000 und die Lacher würden leiser. Tatsächlich zahlten sie 6000, pro Stück.Aber wurscht. Sie sind noch auf der Reise, nichts stoppte sie. Und deshalb lachen Charles und Florent noch. Sie haben recht, Reisen ist manchmal die ständige Verdrehung der Volksweisheit, dass uns härter macht, was uns nicht umbringt: Was uns nicht aufhält, macht uns weiser. Und so gedenke ich im Stillen gerne meiner Reisebekanntschaften der vergangenen 300 Tage: des farbigen (oder wie sagt man jetzt?) Flugzeugnachbarn von Osaka nach Peking, der mit 50 im Eiskunstlauf gegen 17-Jährige antritt. Oder des englischen Geschäftsmannes aus dem Raucherkammerl am Flughafen Delhi, der sagt "Geschäfte macht man heute nur mehr dort, wo es gefährlich ist". Oder des SOS-Kinderdorf Präsidenten, der mir in Moosburg sagte: "Ich brauche diese Reisen. Nach zwei Stunden in meinem Büro werde ich unruhig."

Die Route bisher: Wien - Madrid (Spanien) - San José (Costa Rica) - Tortuguero - Puerto Viejo - Manzanillo - Vulkan Arenal - Monteverde - San Juan del Sur (Nicaragua) - Isla Ometepe - Granada - SOS Kinderdorf Santa Ana (El Salvador) - Quezaltenango (Guatemala) - Puerto Arista (Mexiko) - Oaxaca - Mexiko City - Lima (Peru) - Paracas - Nasca - Arequipa - Puno/Titicacasee - Isla Amantani - Cusco - Machu Picchu - Lima - Punta Arenas (Chile) - Tierra del Fuego, chilenischer Teil - Ushuaia (Argentinien) - Isla Carlos III. (Chile) - Puerto Natales - Torres del Paine - El Calafate (Argentinien) - Buenos Aires - Mendoza - Valparaiso (Chile) - Santiago de Chile - Auckland (Neuseeland) - Wellsford - Ngunguru - Tutukaka - Kawakawa - Paihia - Kaitaia - Cape Reinga - Matakohe - Tauchkurs in Tutukaka - Peninsula Coromandel - Auckland - Taupo - Napier - Wellington - Fähre auf die Südinsel - Picton - Takaka - Kaiteriteri - Punakaiki - Arthur's Pass - Christchurch - Twizel - Aoraki/Mount Cook - Dunedin - Te Anau - Milford Sound - Queenstown - Wakana - Franz Josef - Hanmer Springs - Kaikoura - Fähre auf die Nordinsel - Paraparaumu - National Park - Tongariro Crossing - Whanganui - Wellington - Rotorua - Auckland - Sydney (Australien) - Blue Mountains - Cairns - Great Barrier Reef - Cape Tribulation - Sydney - Tokyo (Japan) - Kyoto - Hiroshima - Osaka - Hongkong (China; selbstverwaltete Region) - Macao (China; sR) - Ho Chi Minh City/Saigon (Vietnam) - Cu Chi-Tunnels - Nha Trang - Motorradtour durch das zentrale Hochland (Buon Ma Thout, Kon Tum, Tac Glei) - Hoi An - Hue - Hanoi - Halong Bay - Ninh Binh - Tam Coc - Savannaketh (Laos) - Pakse - Bolaven Plateau - Champasak - Si Phan Don Islands/Don Kong Island - Kratie (Kambodscha) - Phnom Penh - Sihanoukville - Battambang - Siem Reap - Bangkok (Thailand) - Delhi (Indien) - Agra - Varanasi - Lumbini (Nepal) - Pokhara - Kathmandu/Kathmandu Valley (Patan - Boudhanath - Jorpati - Bhaktapur) - Almaty (Kasachstan) - Medeu - Issyk Lake - Wandern im Altatau, nächstes Ziel: Bishkek (Kirgisistan).