Hhubers Weltreise: Der Minarett-Bewacher

Registan, Samarkand
Foto: KURIER.at/halbhuber

In Polizeistaaten prügelt einen das Organ oft weich. In Usbekistan zeigt es für Trinkgeld den besten Ausblick. Der ist wirklich radikal.

Natürlich wusste ich von Zentralasien genauso wenig wie wir alle. Aber trotzdem kam gleich nach meinem Wunsch nach Weltreise auch die Lust auf die Stans auf. Schuld war vor allem Usbeki-Stan. Darüber wusste ich zwei Dinge: Seidenstraße und Polizeistaat. Einerseits das strahlende Samarkand, einstige Hauptstadt an der europäisch-asiatischen Handelsroute, reich und gebildet, blühend, kulturell, ein Zentrum des Islam, Steinmauern im Wüstensand und Prachtbauten. Andererseits die Gegenwart, eine Halb-, oder vielleicht nur Vierteldemokratie, politisch hinter Kasach- und Kirgi-Stan zurück, der Präsident und sein Polizeiapparat.
Gestern zahlte ich einem Polizisten Schmiergeld, um den schönsten Platz Samarkands von oben zu sehen. Es ist einer der schönsten Orte der Welt.

Registan, Samarkand Foto: KURIER.at/halbhuber Registan, Samarkand

Der Platz heißt Registan und ist so eine Art zentralasiatischer Petersplatz. Drei Medressen (islamische Schulen), zwei Moscheen. Alles sehr groß, prunkvoll und in schönsten bunten Fliesen, türkis und ornamentale Verzierung, huiwusch. Der Registan war quasi Kernstück der Seidenstraße, Handelszentrum. Es war ein Ort des Treffens: Die aus China kommenden Karawanen tauschten hier mit den europäischen, dabei fiel eine Menge ab, Samarkand wurde eine der reichsten Städte. Und verbaute einen großen Teil des Geldes in übermäßige Religionshäuser großer Qualität, weshalb sie die Jahrhunderte und Erdbeben überstanden. Heute gilt der Registan als beeindruckendste Sehenswürdigkeit Zentralasiens. Ich meine, zurecht.

Außerdem ist er einer der Orte, die zum Verweilen einladen, dieser Raum verlangt seine Zeit. Die Innenhöfe der alten Gebäude mit ihren Weinranken und Steinbänken, die Nischen, die Blicke, die kühlen Studier- und Gebetskammern. All das verlangt nach einem Moment der Ruhe, des Genusses. Man könnte hier den ganzen Tag sitzen, lesen, nachdenken oder sich die Geschichte lebhaft vorstellen. (Dazu morgen mehr, in der zweiten Geschichte aus Usbekistan: "Zeitmaschine")

Registan, Samarkand Foto: KURIER.at/halbhuber Registan, Samarkand

Diesmal geht es um Aktuelles. Denn am Registan stehen nicht nur die schönsten Exemplare usbekischer Geschichte, sondern auch die prächtigsten Polizisten der Jetztzeit. Usbekistan ist seit 1991 unabhängig, aber nicht frei. Es machte wie viele Ex-Sowjetstaaten ein paar Schritte auf die Demokratie zu, hält sich für demokratisch. Aber weil halt der Präsident schon 19 Jahre im Amt ist und Opposition nicht richtig erlaubt und der Senat mehr Laienbühne als Volksmeinung, will es der Rest der Welt nicht recht glauben. Andererseits ist Präsident Karimov beliebt, zumindest sagen das alle, wenn man fragt.

Registan, Samarkand Foto: KURIER.at/halbhuber Registan, Samarkand

In diesem Usbekistan steht aber auch an jedem Eck ein Polizist. Nicht metaphorisch, sondern auf beiden Beinen. Sie winken Autos weiter, blicken wissend, sperren Gassen, winken einen dennoch durch. Sie scheinen etwas zu bewachen, schauen aber so drein, als ob sie selbst nicht wüssten, was genau. Die Souveränität? Den Präsidenten? Den Gral, den Goldtopf? Ihr System? Aber sie stören mich nicht, denn das Touristen-Sekkieren und Abzocken hat ihnen der Präsident mittlerweile ausgetrieben.

Fast überall.

Denn natürlich ist nicht jeder der Polizisten (übrigens in Palmers-Grün) gleich. Auch hier gibt es gleichere, auch unter den Einsern gibt es immer die Römer. Und als usbekischer Polizist arbeitest und bestichst du für ein Ziel: Dienst am Registan.

Registan, Samarkand Foto: KURIER.at/halbhuber Registan, Samarkand

Mein giftgrüner Quälgeist sah aus wie eine Mischung aus Italohengst und hinterlistigem Nachbar. In einem Bud Spencer-Film wäre er vom Meister zuerst zu einem besseren Menschen und dann zu einem besseren Boxer erzogen worden. Unsere Begegnung war so:

Er: "Do you wanna see Minarett?"
Ich schaue zum Minarett, zehn Meter von uns entfernt: "Thank you, I see it. It's right there."
Er: "Wanna go up?"
Ich: "Is it possible?"
Er: "Of course." lächelt verwegen
Ich begreife: "How much?"
Er: "Tenthousand Sum."
Ich: "Wow, that is too much."
Er: "Come on. It's five dollars for two people. That is not much."
Ich: "It should not be more that 3000, I think."
Er sieht mein Guidebook und kennt scheinbar das Erscheinungjahr: "That was two years ago. Now the dollar-rate is different."

Wir gehen auseinander, bleiben aber in Sichtdistanz. Drei Minuten später eröffne ich die zweite Runde: "I give you 5000."
Er: "Where are you from?"
Ich: "Afstri." (russisch für Austria)
Er: "10.000 is special price. If you are American or Swedish it would cost ten Dollars (Anm.: 20.000 Sum)."
Ich erspare mir die Frage, was er gegen Schweden hat: "Okay, 7000."
Er: "I can make it for 9000, but don't tell anybody."
Ich: "You say 8000 and I won't tell."
Er weist schweigend den Weg zu einer Gittertür am Fuße des Minaretts, greift durch die Gitterstäbe in eine Ecke am Boden, fischt den Schlüssel heraus, schließt auf und deutet: "Go. I wait here."

Registan, Samarkand Foto: KURIER.at/halbhuber Registan, Samarkand

Wie alle Minarett-Wendeltreppen ist auch diese sehr eng, fast finster und wäre für einen Klaustrophoben unmachbar. Der Blick von oben ist wunderschön.

Wieder unten, er: "Good?"
Ich setze mich neben ihm auf die Stiege: "Very good, I want a picture with you."
Er gleichgültig: "Okay."
Ich: "For free."
Er gönnerhaft: "Okay."
Ich: "My name is Axel."
Er gleichgültig: "Okay."
Ich: "Your name?"
Er grinsend: "Police."
Ich grinse auch.
Er findet selbst, dass das jetzt zu cool war: "My name is Ramakat. What is your work?"
Ich lüge, wie immer in solchen Staaten: "Businessman."
Er: "Business with women."
Ich finde ihn widerlich. "Is it good to be a policemen in Uzbekistan?"
"Yes." Er deutet zum Minarett-Eingang. "It's good business."

Ich erfuhr später von Eingeweihten, dass die Polizisten ihre Vorgesetzten bestechen müssen, um hier Dienst zu machen. Investieren statt Investigieren. Usbekistan ist eben anders. Schön anders.

Registan, Samarkand Foto: KURIER.at/halbhuber Registan, Samarkand

Die Route bisher: Wien - Madrid (Spanien) - San José (Costa Rica) - Tortuguero - Puerto Viejo - Manzanillo - Vulkan Arenal - Monteverde - San Juan del Sur (Nicaragua) - Isla Ometepe - Granada - SOS Kinderdorf Santa Ana (El Salvador) - Quezaltenango (Guatemala) - Puerto Arista (Mexiko) - Oaxaca - Mexiko City - Lima (Peru) - Paracas - Nasca - Arequipa - Puno/Titicacasee - Isla Amantani - Cusco - Machu Picchu - Lima - Punta Arenas (Chile) - Tierra del Fuego, chilenischer Teil - Ushuaia (Argentinien) - Isla Carlos III. (Chile) - Puerto Natales - Torres del Paine - El Calafate (Argentinien) - Buenos Aires - Mendoza - Valparaiso (Chile) - Santiago de Chile - Auckland (Neuseeland) - Wellsford - Ngunguru - Tutukaka - Kawakawa - Paihia - Kaitaia - Cape Reinga - Matakohe - Tauchkurs in Tutukaka - Peninsula Coromandel - Auckland - Taupo - Napier - Wellington - Fähre auf die Südinsel - Picton - Takaka - Kaiteriteri - Punakaiki - Arthur's Pass - Christchurch - Twizel - Aoraki/Mount Cook - Dunedin - Te Anau - Milford Sound - Queenstown - Wakana - Franz Josef - Hanmer Springs - Kaikoura - Fähre auf die Nordinsel - Paraparaumu - National Park - Tongariro Crossing - Whanganui - Wellington - Rotorua - Auckland - Sydney (Australien) - Blue Mountains - Cairns - Great Barrier Reef - Cape Tribulation - Sydney - Tokyo (Japan) - Kyoto - Hiroshima - Osaka - Hongkong (China; selbstverwaltete Region) - Macao (China; sR) - Ho Chi Minh City/Saigon (Vietnam) - Cu Chi-Tunnels - Nha Trang - Motorradtour durch das zentrale Hochland (Buon Ma Thout, Kon Tum, Tac Glei) - Hoi An - Hue - Hanoi - Halong Bay - Ninh Binh - Tam Coc - Savannaketh (Laos) - Pakse - Bolaven Plateau - Champasak - Si Phan Don Islands/Don Kong Island - Kratie (Kambodscha) - Phnom Penh - Sihanoukville - Battambang - Siem Reap - Bangkok (Thailand) - Delhi (Indien) - Agra - Varanasi - Lumbini (Nepal) - Pokhara - Kathmandu/Kathmandu Valley (Patan - Boudhanath - Jorpati - Bhaktapur) - Almaty (Kasachstan) - Medeu/Kasach. Alatau - Issyk Lake - Bishkek (Kirgistan) - Tokmok - Taldy Bulak - Jurte/Kirg. Alatau - Naryn - Reiten in Tash Rabat - Bokonbayevo/See Issyk-Köl - Karakol - Jeti Öghüz - Cholpon Ata - Grigorievka/Ak-Suu Tal - Bishkek - Tashkent (Usbekistan) - Samarkand - Bukhara, nächstes Ziel: Kyzylkum Wüste/Khiva.

Registan, Samarkand Foto: KURIER.at/halbhuber Registan, Samarkand

Schnäppchen dieser Tage: Erstens kann man sich beim Registan hineinschummeln, wenn man es schlau anstellt, die Polizisten haben oft anderes zu tun als alle Zuströmenden im Blick zu haben. Das wäre aber illegal. Fairer finde ich da schon: Selbständig zum Gittertürchen beim Minarett gehen, den Schlüssel aus der Ecke fischen und hinaufgehen. Wenn beim Runtergehen ein Polizist da ist, einfach einen sagen, man habe bei einem anderen gezahlt. Aber auch hierbei nicht von Ramakat und seinen Brüdern erwischen lassen, die können glaube ich richtig böse werden.

Viel besser ist es da schon, den Registan bei Nacht zu besuchen. Erstens spart man den Eintritt (oder minimiert ihn zu einer kleinen Bestechung an das Wachpersonal). Zweitens sind diese Gebäude im Vollmond und/oder Beleuchtung noch eindrucksvoller.

Blanke Theorie bleibt leider das Schnäppchen "Basar von Urgut". Im Ort mit dem Schenkelklopfer-Namen ist jeden Sonntag ein Riesenbasar mit quasi Allem, Hausrat, Küchengeschirr, Gewand. Kein sehr malerischer Markt, aber unglaublich günstig zum Bestücken einer neuen Wohnung. Nur man bräuchte eben sein Auto hier…

Nepp dieser Tage: Die Sache mit den unterschiedlichen (Eintritts)Preisen für Einheimische und Touristen ist hier wieder einmal besonders dings. Der Eintritt zum Registan kostet 600 Sum (etwa 0,37 Euro) für Usbeken, 8000 Sum (4,88 Euro) für unsereins und irgendwas dazwischen für Russen/Ex-Sowjetbürger/Zentralasiaten.
Nun regt mich das weniger wegen mir auf, sondern wegen des hypothetischen Peruaners, der sein Leben lang - aus welchem Grundauch immer - auf einen Urlaub in Usbekistan gespart hat. Und nun muss er den Touristen-De Lux-Preis zahlen. Er wird schnaufen. Aufregen darf er sich freilich nicht, weil in Machu Picchu das Verhältnis etwa 4 Dollar (Peruaner) zu 40 Dollar (Rest der Welt) ist.
Mir ist es wurscht, ich bin immer der Reiche. Da wie dort.

(kurier / Axel N. Halbhuber) Erstellt am
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