Halbhubers Weltreise: Tokyo-Geschichten 2

Tokyo zu erklären, ist mir unmöglich. Zu sagen, man muss das selbst erleben, hier aber bescheuert. Versuchen wir es mit Geschichten.

Vergessen Sie einmal alles, was Sie aus dem Fernsehen kennen: viele Menschen, Hochhäuser, Männer in dunkelblauen Anzügen auf dem Weg ins Büro, Mädchen in kurzen Schuluniformen, elektronisches Gebimmel überall, zu große Neonlichter, eine U-Bahn mit Sekundenzeiger. Vergessen Sie das, denn es stimmt, so ist Tokyo, übrigens erst seit 1868 Hauptstadt Japans. Aber das alles greift viel zu kurz, weiß ich schon nach einer Woche.

Fremde Komik

Die meisten Tokyo-Besucher schauen sich am ersten Tag den Fischmarkt an, wo täglich 2200 Tonnen Meeresgetier verkauft werden. Oder das Shibuya-Crossing, mit Spitzen von angeblich 15.000 Überquerern pro Ampelphase die größte Kreuzung der Welt. Manche geben sich den öffentlichen Teilen der Palastgärten hin, andere dem Sushi. Ich war am ersten Tag auf zwei Botschaften.

In der zweiten Hälfte meiner Weltreise brauche ich für fast alle Länder ein Visum. Und Tokyo hat neben Sehenswürdigem auch Botschaften. Ich dachte mir, das Visum für China ist hier sicher stressfreier zu bekommen als in Hongkong. Ich habe falsch gedacht.

Im dritten Stock der chinesischen Botschaft von Tokyo ging es zu wie auf erwähntem Fischmarkt. So viele Menschen waren mir zuviel. Und auch wenn ich nicht abergläubisch bin, kam mir meine Nummer 655 unheilbringend vor, nachdem die Anzeigentafel innerhalb von zehn Minuten nur einmal umsprang, von 553 auf 554. Ich verließ die chinesische Botschaft wieder und verschob das auf Hongkong.

Mir war trotzdem danach, etwas von der Liste streichen zu können. Auf dem Stadtplan fand ich die kirgisische Botschaft. Das muss leichter gehen, dachte ich, nahm die U-Bahn nach Meguro und von dort ein Taxi, die kirgisische Botschaft in Tokyo ist nämlich am Ende der Innenstadt. Mitten in einer Einfamilienhaus-Siedlung. In einem Einfamilienhaus. Keine Zäune, keine Überwachung. Nur ein Gartentor, in der Einfahrt zwei diplomatische Karossen. Ich läutete am einzigen Knopf.

Ein Mann in Anzug öffnete die Haustüre, klein, leicht untersetzt, zentralasiatisches Aussehen.
Er, in Englisch mit russischem Akzent: "Yes, please?"
Ich, rufe ihm vom Gartentor aus zu: "I will be in Kyrgystan soon and I need a visa."
Er, Blick auf die Uhr: "We have a meeting. Come in fifteen minutes. Look sakura."
Ich, verdattert: "Äh. Okay."

In der Einfamilienhaus-Siedlung gab es kein Lokal, also schaute ich mich eine Viertelstunde nach Kirschblüten um. Dann fand ich Einlass. Er bat mich, die Schuhe auszuziehen, dies sei "a tradition here". Und kurz darauf saß ich im Wohnzimmer des kirgisischen Botschafters in Tokyo, füllte mit ihm gemeinsam Visa-Formulare am Couchtisch aus und hörte mir nebenbei an, wie gerne er österreichisches Bier mit seinem Freund in der österreichischen Botschaft in Bishkek trinkt.

"One week", antwortete er später auf meine Frage nach der Dauer. "And you must pay the money on this account." Er schob mir einen Zettel mit den Kontodaten herüber, auf dem auch noch "8000" Yen stand. "This is a problem for me, I will leave Tokyo earlier." Er dachte kurz nach. "Okay, normally emergent visa is double price. But you are traveler and I help you. You pay 8000 and tomorrow is okay?" Ich nickte eifrig. "But come before twelve. Twelve is lunchtime."

Tags darauf holte ich mir das Visum pünktlich und machte ein Foto mit dem freundlichen Mann. Danach fuhr er mit der Limousine zum Essen und ich besuchte die einzige Sehenswürdigkeit dieses Stadtteils, das parasitologische Museum Tokyos.

Abends las ich dann in den Nachrichten von der Revolution in Kirgisistan. Der Botschafter erfuhr davon vermutlich am Telefon.

(Fortsetzung folgt)

(kurier / Axel N. Halbhuber) Erstellt am
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